Vinoba / Fragmente einer Vision

4. Die Sarvodaya Schale

Um der Gewaltlosigkeit willen

Nach Gandhijis Tod habe ich erforscht, wie Gewaltlosigkeit im gesellschaftlichen Leben Indiens verwirklicht werden könnte. Wie wohl bekannt haben die Vorkommnisse, die unmittelbar nach dem Erreichen der Unabhängigkeit stattfanden, die Hoffnung auf Gewaltlosigkeit geschwächt. Darum suchte ich nach Mitteln und Wegen, kollektive Gewaltlosigkeit aufzubauen. Es war Gottes Wille, dass ich eine Grundlage schaffen konnte, um Gewaltlosigkeit in der Gesellschaft zu verbreiten, und Bhudan und Gramdan¹ sind entstanden.

So wurde eine materielle Grundlage geschaffen für ein gewaltloses Programm. Dann verschob sich meine Sorge auf die Suche nach einem Akteur, um das Programm durchzuführen. In diesem Zusammenhang wagte ich die Bildung der Shanti Sena (Friedensarmee) auszurufen - eine Truppe von 75.000 selbstlosen Dienern, je einer pro 5000 Menschen in der Bevölkerung. Die Friedenssoldaten (Shanti Sainiks) würden für Revolution ebenso wie Frieden arbeiten. In Friedenszeiten würden sie den Armen dienen, den Frieden bewahren, und in Zeiten der Unruhe würden sie den Frieden wiederherstellen, auch auf Kosten ihres Lebens. Damit hätten wir den Akteur, um das Programm durchzuführen.

Verschiedene konstruktive Programme wie khadi, Dorfindustrien, Grundbildung und die Überwindung der Unberührbarkeit und der Kastenunterschiede sind die verschiedenen Aktionen, die für die Verbreitung der Gewaltlosigkeit nötig sind.

Wir brauchen aber auch verschiedene Mittel. Ich habe zu zwei Arten von Mitteln aufgerufen: sampattidan (Gabe von Vermögen, Vermögensgabe) und sammatidan (Gabe der Zustimmung).

Was immer Gott jemandem an Reichtum gegeben hat, man sollte ihn nur genießen, nachdem man einen Teil davon der Gesellschaft gewidmet hat. Niemand, auch kein armer Mensch, hat das Recht, seine Besitztümer zu genießen, ohne eine Art von Opfer. Das ist, was die Upanishad uns vorschreibt. Ich habe darum zur Gabe von Vermögen jeder Art aufgerufen - Arbeit, Geld, Intellekt und jede andere Art von Vermögen. Die Annahme dieses Prinzips würde große Kraft erzeugen. Und weil es völlig freiwillig wäre, würde es auch zu moralischem Auftrieb führen.

Notwendigkeit der Zustimmung

Wir haben eine Menge an Arbeit geleistet, aber bisher nicht die Zustimmung des Volkes für diese Arbeit sichergestellt. Wir beginnen an einem Ort mit der Produktion von Khadi, geben den Spinnern ihren Lohn und verkaufen das Khadi in die Städte. Wie Geschäftsleute suchen wir für diese Arbeit nicht die Zustimmung des Volkes. Solche Khadiarbeit ist wie unser Privatgeschäft. Gehen wir an einen Ort, um dort mit Khadiarbeit zu beginnen, weil die Menschen dort beschlossen haben, Khadi zu tragen? Selbst unsere intensiven, jahrelangen Bemühungen konnten kaum 25-30% der lokalen Bevölkerung dazu bewegen, Khadi zu tragen. Der Rest der Menschen hat unserem Rat keine Beachtung geschenkt. Und das war ihr gutes Recht. Jeder ist frei zu dienen. Aber unsere konstruktive Arbeit würde nur dann eine noch nie da gewesene Macht erzeugen, wenn wir die Zustimmung der Öffentlichkeit sicherstellen.

Wir brauchen Unterstützung durch die Zustimmung der Menschen. Um gewöhnlichen Dienst zu leisten, braucht es solche Zustimmung nicht. Wenn ein guter Arzt die Menschen kostenlos behandelt, braucht er für diesen Dienst ihre Zustimmung nicht. Wer seine Medizin nehmen will nimmt sie. Aber ein Dienst, der für die Menschen auch etwas Mühsal nach sich zieht und eine soziale Revolution herbeiführt, braucht solche Zustimmung. Am Anfang bieten wir ihnen nur Mühe an und können Entlastung nur als ein fernes Versprechen anbieten. Es ist ein Merkmal von reinem Wohlergehen, dass es anfangs etwas Mühsal gibt, aber das letztendliche Ergebnis ist süß. Also brauchen wir für solche Arbeit die Zustimmung der Menschen.

Die Regierung baut eine Armee auf. Sie hat eure Zustimmung. Jeder von euch hat dazu beigetragen. Sogar ein Kind trägt dazu bei, weil es Kleidung trägt und weil auf Kleidung eine Steuer liegt. Ihr alle zahlt Steuern. Und sie bedeuten eure Zustimmung für alles, was die Regierung tut, ob richtig oder falsch.

Und was ist die moralische Grundlage dieser Armee? Die Sanktion durch die Wahl der Nation. Ohne diese Wahl wäre die Armee nichts als eine Bande bewaffneter Räuber. Aber die Sanktion durch die Wahl ist eine sehr schwache Sanktion, denn eine Mehrheitswahl ist sie nur dem Namen nach. Eine Regierung, die beispielsweise von 30% der Wähler unterstützt wird, kann Macht über alle Menschen ausüben; man meint sie habe ein Volksmandat und die Armee wird als nationale Armee akzeptiert. Das ist die moralische Autorität dahinter.

Auch wir brauchen eine moralische Autorität, die uns stützt. Bisher haben wir es für ausreichend gehalten, Mitgefühl zu haben und einen Wunsch danach, den Menschen zu dienen. Aber wir wollen nicht übliches Hilfswerk tun. Wir wollen Einfluss auf die Werte der Menschen ausüben. Es fehlt uns an Kraft, wenn wir nicht ihre Zustimmung haben. Darum rufe ich zu sammatidan auf (Zustimmungsgabe). Es bedeutet: “Wir geben eurem Dienst unsere Zustimmung und sollten etwas tun, um euch dabei zu helfen.”

Das ist anders als die Stimme, die eine Partei erhält. Denn diese Stimme ist untätig. Sie bedeutet nur: “Wir stimmen euren Ideen zu. Wir geben euch das Recht uns zu dienen. Wir müssen aber sonst nichts tun, außer Steuern zahlen.” Die Stimmen beinhalten keinerlei Entschluss, sonst irgendetwas zu tun. Wir wollen nicht, dass die Menschen uns die Verantwortung für ihre Absicherung übertragen; wir bitten sie um sammatidan, als ein Zeichen eines Versprechens der Menschen, dass sie unser Programm gutheißen und uns aktiv helfen, es durchzuführen.

Die Idee der Sarvodaya-Patra (Allgemeinwohl-Schale)

Als ein Symbol dafür, habe ich um eine handvoll Getreide an jedem Tag von jedem Haushalt gebeten. Und die Hand sollte die des jüngsten Kindes in der Familie sein. Dahinter ist eine Vision. Kinderhände sind rein, ihr Gemüt ist rein. Wenn jedes Kind etwas Getreide in die Sarvodaya Schale gibt für die Sarvodaya Arbeit, stellt euch nur vor wie viel Kraft das erzeugen würde! Die Sarvodaya Arbeit sollte Hilfe von den reinen Händen der Kinder erhalten. Würden ihre Väter oder Mütter eine handvoll Getreide geben, würden wir sicherlich mehr Getreide erhalten. Aber das will ich nicht. Lasst das jüngste Kind geben. Jeden Tag wird die Mutter das Kind fragen, “hast du Getreide in die Sarvodaya Schale gegeben?” Das wird großen Erziehungswert haben; es wird dem Kind den Wert des Teilens einprägen. Es wird es Rechtschaffenheit lehren. Und es wird uns Getreide für unsere Arbeit für Bhudan und Gramdan und Shanti Sena geben. Es wird in jedem Mitglied der Familien, die eine Sarvodaya Schale haben, einen Sinn der Hingabe wecken und eine spirituelle Bruderschaft solcher Familien würde Gestalt annehmen.

Verschiedene “Sekten” haben ihre eigenen Formen der Anbetung. Aber die Sarvodaya Schale wird eine Form der Anbetung etablieren, die von allen Kindern ungeachtet ihrer Unterschiede praktiziert werden kann.

Die Idee ist nicht völlig neu. Religionen schreiben ebenfalls die Gabe von einer handvoll Getreide vor. Aber diese Praxis wurde auf eine symbolische Geste reduziert. Die Menschen werden natürlicherweise an eine solche Praxis erinnert, wenn sie von der Sarvodaya Schale hören. Aber es muss verstanden werden, dass diese Idee hier eine völlig neue Form annimmt. Ihr Ziel ist anders. Ein alter Baum wird veredelt. Die Idee von Sarvodaya-Patra ist wie die Veredelung eines alten Brauchs. Dass die Idee nicht ohne Grundlage ist, spricht eher für sie.

Ein anderer Kontext

Der Gandhi Gedächtnis Fonds half der Landschenkungsbewegung als eine Pflichtübung, denn Bhudan ist Gandhijis größtes Gedenken. Doch wir haben ihre Hilfe auf eigenen Antrieb eingestellt (1956). Aber es mussten Vorkehrungen für die Versorgung der selbstlosen Arbeiter getroffen werden. Die Idee von Sarvodaya-Patra ist auch in diesem Kontext entstanden.

Symbol der kollektiven Resolution

Überall randalieren destruktive Kräfte. Wenn die Welt vom totalen Untergang gerettet werden soll, muss kollektive Willenskraft entwickelt werden. Die Macht der Menschen, die Macht der Liebe muss den Kräften der Zerstörung entgegengestellt werden. Die Menschen werden zu diesem Zweck einen kollektiven Beschluss fassen müssen. Die Sarvodaya Schale symbolisiert einen solchen Beschluss.

Niemand sagt, dass er Gewalt mag. Aber Gewalt hat eine besondere Qualität; es kann einen kollektiven Beschluss dafür geben. Hitler befiehlt fünf Millionen Soldaten in andere Länder einzumarschieren und sie anzugreifen, und sie gehorchen. Es muss bewiesen werden, dass ein kollektiver Beschluss für Gewaltlosigkeit möglich ist. Indien muss in dieser Hinsicht die Führung übernehmen. Für eben diesen Zweck habe ich Sarvodaya-patra vorgeschlagen. Dieses Programm wird die Möglichkeit eines kollektiven Experiments von Gewaltlosigkeit testen. Die Sarvodaya Schale ist unser Mittel, um jeden Haushalt zu erreichen.

Zustimmung zur Sarvodaya Philosophie

Eine Sarvodaya Schale im Haus aufzubewahren, zeigt Zustimmung zur Sarvodaya Philosophie, Zustimmung zu der Idee, dass Privateigentum an Land durch friedliche Mittel beendet werden sollte. Es zeigt unseren Wunsch nach einer dezentralisierten politischen Ordnung im Land. Es bedeutet, dass wir in diesem Zeitalter der Wissenschaft, Waffen für nutzlos befinden und bereit sind, zur Organisation der Friedensarmee beizutragen.

Jemand der eine Sarvodaya Schale in seinem Haus aufbewahrt, von dem kann man erwarten, dass er ein tauglicher Diener für Sarvodaya wird. Sarvodaya sollte sein ganzes Wesen durchdringen; die Gabe einer handvoll Getreide sollte eine Konsequenz daraus sein. Die Hände, die Getreide in die Sarvodaya Schale legen, würden niemals Steine werfen.

Sarvodaya-patra beinhaltet die Verpflichtung, friedlich und freundlich miteinander zu leben und niemals etwas zu tun, das wahrscheinlich den Frieden stört. Die Sarvodaya Schale ist eine aktive Stimme für Frieden.

Revolutionäres Programm

Ich zeige eine gewaltlose Alternative für jede Funktion der Gewalt. In einer Ordnung, die auf Gewalt gründet, werden Steuern von jedem erhoben. Die Sarvodaya Schale ist eine Alternative zu Steuern. In Steuern gibt es ein Element von Zwang, also versuchen die Menschen, Steuern zu umgehen. Die Sarvodaya Schale wird freiwillig aufbewahrt. Ich will Liebe anstelle von Gewalt, Mitleid anstelle von Gesetz, Geschenke anstelle von Darlehen, Sarvodaya-Schalen anstelle von Steuern, Shanti-sena anstelle der Armee, und Freiwilligkeit anstelle von Zwang. Wenn Freiwilligkeit mächtiger wird als Zwang, steht die Gewaltlosigkeit auf festem Fundament.

In Form einer handvoll Getreide werden wir eine tägliche Stimme bekommen, während Parteien nur einmal in fünf Jahren eine Stimme wollen. Wenn wir die Menschen in Indien dazu bringen können, diesen Gedanken eines täglichen Beitrags zu akzeptieren, dann müssen wir nicht die Zügel der Regierung an uns nehmen; die Regierung wird schon unter unserer Kontrolle sein. In dieser Weise besitzt die Sarvodaya Schale die Macht, Politik zu entwurzeln.

Kein Rückschritt

Das Programm erfordert, dass wir regelmäßig zu den Menschen gehen. Ich betrachte es als ein Modell von sanftem Satyagraha.

Wenn ich über eine handvoll Getreide spreche, sagen die Leute: “Du hast sonst von einem Sechstel des Einkommens gesprochen und sogar von der Aufgabe von Eigentum. Du hast mit solchen erhabenen Ideen begonnen und reduzierst es jetzt auf eine handvoll Getreide! Was für ein Rückschritt! Jetzt bittest du sogar einen Multimillionär um eine handvoll Getreide!” Der Punkt ist, wenn eine kleine Sache allgemein verbreitet wird, dann schafft das eine große Kraft. Nicht jeder kann Land schenken. Nur die Vermögenden können Geld geben. Aber eine handvoll Getreide kann jeder Haushalt geben. Lasst jeden geben; für extrem arme Familien lasst ihre Nachbarn anteilig beitragen. Das wird einen Druck von unten schaffen. Das Programm ist darum, behaupte ich, kein Rückschritt.

Sarvodaya-patra und die Arbeiter

Wie ein Sanskrit Sprichwort sagt, wenn wir einen Mangobaum um seiner Früchte willen pflanzen, erhalten wir auch viele weitere Vorteile. Der Hauptzweck der Sarvodaya Schale ist, öffentliche Zustimmung für unsere Arbeit sicherzustellen, die Versorgung der Arbeiter für den Frieden und Sarvodaya ist ihre Begleiterscheinung. Es ist äußerst angemessen, den Arbeitern durch die Sarvodaya Schale Unterhalt zu verschaffen, mehr als in irgendeiner anderen Weise. Nicht jeder Arbeiter kann Hilfe von seinen Freunden erhalten. Außerdem ist die Sicherstellung der Versorgung durch das einfache Volk bestärkend. Arbeiter sollten nicht betteln müssen. Sie werden körperlicher Arbeit verpflichtet sein. Sie werden allen dienen. Aber ihre Arbeit in Begriffen des Geldes zu bewerten und von ihnen zu erwarten, sich auf dieser Basis zu ernähren, impliziert eine Akzeptanz der gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Normen. Es ist falsch von den Arbeitern zu erwartern, ihren Lebensunterhalt durch ihre eigene Arbeit zu verdienen.

Die Idee der Sarvodaya Schale lässt Arbeiter danach streben, sich den Erwartungen der Menschen als würdig zu erweisen. Ein Lebensunterhalt, der von den Menschen mit Liebe und Vertrauen gegeben wird, kann das Leben der Arbeiter läutern.

Die größte Idee

Als mir die Idee der Sarvodaya Schale in den Sinn kam, fühlte ich mich als wäre ich ein Rishi (Seher) geworden. Als ich die erste Landschenkung erhielt war es anders. Da hatte ich keine Vision; ich fühlte, dass es Gottes Wille war und ich sein Werkzeug. Aber die Idee der Sarvodaya Schale kam zu mir als eine Vision, so wie Seher eine Vision überkommt. Wenn mich jemand fragt, was meine größte Idee ist, werde ich sagen: Die Sarvodaya Schale.


¹ Gramdan (Dorfgabe, Dorfschenkung) beinhaltet die freiwillige Übergabe des Eigentums an Land an die Dorfgemeinschaft und die Verwaltung aller Angelegenheiten des Dorfes durch Konsens (Einigkeit). Für eine genauere Betrachtung, siehe Vinobas Buch ‘Gram-swaraj’ (Dorf-Selbstherrschaft oder Dorfautonomie).