Vinoba / Fragmente einer Vision
2. Prozess der Revolution
Drei Arten von Arbeit
Drei Arten von Arbeit müssen in der Welt unternommen werden. Die erste ist die Läuterung des sozialen Gemüts. Eine Menge verderblicher Faktoren sind in der Gesellschaft am Werk. Es ist primäre Pflicht der Gesellschaft, sicherzustellen, dass der Prozess der Läuterung unvermindert fortgeführt werden kann. Gandhiji bestand darauf, dass jedes Werk auf die Läuterung des Gemüts hinauslaufen sollte. Es ist wegen dieser Ansicht, dass er den Bewohnern des Ashrams elf Gelübde vorschrieb.
Die zweite Arbeit besteht darin, einen Geist der Liebe und gegenseitigen Kooperation zu schaffen. Das ist in Indien besonders wesentlich, wo die Menschen zu verschiedenen Kasten, Religionen und Sprachgemeinschaften gehören. Es ist unsere unbedingte Pflicht, einen Konflikt der Interessen abzuwenden und Liebe zu nähren, um sie zum Fundament der Gesellschaft zu machen.
Die dritte Arbeit besteht darin, (falsche) konventionelle Werte an der Wurzel auszureißen, um den Weg für sozialen Fortschritt zu ebnen. Das ist eine Art von erzieherischer Arbeit. Überkommene Werte binden selbst edle Gemüter an sich, nicht zu sprechen vom durchschnittlichen Gemüt.
Vier treibende Kräfte
Vier treibende Kräfte sind in der Welt immer aktiv. Die erste ist die Kraft des Eigeninteresses. Dieser Impuls ist in den Menschen immer gegenwärtig, in unterschiedlichem Grad, und wird immer gegenwärtig sein. Für einen Einzelnen ist es notwendig um persönliche Angelegenheiten zu erledigen und für die Entwicklung des Einzelnen, und darum wird es und sollte es fortbestehen. Aber dieser Impuls sollte Tag um Tag weiter veredelt werden. Es sollte nicht dem höheren Impuls in den Menschen zuwiderlaufen und letztendlich in diesem höheren Impuls aufgehen. Je mehr das Eigeninteresse dem höheren Impuls zuwiderläuft, desto mehr Probleme wird es schaffen. Aber in Verbindung mit dem höheren Impuls ist es förderlich sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Dann wird es keinerlei Problem verursachen.
Die Geschichte bezeugt, dass dieser Impuls des Eigeninteresses sich weiterentwickelt und reiner wird, als Resultat von Reflexion und Erfahrung. Das ist genau das was geschehen sollte.
Die zweite Kraft ist der soziale Impuls — ein Impuls der alle Individuen einer Gesellschaft zu bestimmter Zeit antreibt. Gegenwärtig ist der Antrieb zu nationaler Unabhängigkeit und nationaler Einheit überall sehr stark. Patriotische Gefühle waren nie so markant und machtvoll. Wenn der Impuls des Eigeninteresses sich gegen den sozialen Impuls stellt, kann er nicht überleben. Wenn der Impuls für nationale Unabhängigkeit und Einheit sich gegen das Eigeninteresse des Einzelnen stellt, verheißt auch das nichts Gutes. Die beiden Impulse müssen miteinander in Einklang sein.
Die dritte, treibende Kraft ist die der Wissenschaft. Wir könnten sie die Kraft der Anforderungen des Zeitalters oder der Anforderungen der Zeit nennen. Es ist falsch anzunehmen, Wissenschaft sei schlechthin zum Nutzen der Menschen. Wissenschaft kann und ist den Menschen nützlich, aber sie wird nicht durch menschliche Nöte bestimmt. Wissenschaftliche Entdeckungen haben nicht stattgefunden aufgrund von Notwendigkeit. Die Wissenschaft hat ihre eigenen, unabhängigen Dynamiken. Der Mensch hat einen natürlichen Wissensdurst, wegen seiner Intelligenz. Es ist wahr, dass Regierungen Wissenschaftler dazu genötigt haben an bestimmten Projekten zu arbeiten, aber Wissenschaftler sind natürlicherweise geneigt ihrer Arbeit nachzugehen, ohne an eine potentielle Nützlichkeit zu denken. Die Wissenschaft kann von Menschen nicht kontrolliert werden; sie kann nicht zu ihrem Werkzeug werden, sondern es liegt an uns, uns selbst und unsere soziale Struktur der Wissenschaft anzupassen.
Diese Kraft der Wissenschaft dominiert immer mehr. Wenn der Impuls des Eigeninteresses und der nationale Impuls der Kraft der Wissenschaft zuwiderlaufen, wird auch das Unglück verheißen.
Von ihnen abgesehen, denke ich, dass auch die göttliche Kraft in der Welt am Werk ist. Sie strebt danach, die Welt zu einer Familie zu machen. Es ist diese Kraft, die Menschen an einer universalen Religion arbeiten lässt, an einem Weltstaat, an einem globalen Rechtssystem. Ich sehe auch die Entwicklung einer einzigen Sprache für die wechselseitige Kooperation voraus. Es mag Konflikte geben, aber letztendlich werden sich alle anderen Kräfte der göttlichen Kraft anpassen müssen.
Ein Einklang zwischen diesen Kräften ist essentiell, um die Gesellschaft zu erhalten und das Gleichgewicht in ihr zu wahren. Wenn sie miteinander in Konflikt geraten ist die Gesellschaft verdammt. Jeder unserer Schritte sollte darum im Hinblick auf eine Harmonie zwischen diesen Kräften getan werden.
Beseitigung der Kastenunterschiede
Der Name ‘Sarvodaya’ impliziert die Beseitigung aller möglicher Unterschiede. Kastenunterschiede sind ein Teil davon. Lasst es uns ganz klar verstehen, dass sie kein Bestandteil des Hindu Dharmas sind. Der Hindu Dharma schreibt das Varna System¹ vor und Kaste und Varna haben überhaupt nichts miteinander zu tun. Kastenunterschiede sind ein Schandfleck des Hindutums. Die Unterschiede zwischen “Höheren” und “Niederen”, die sie schaffen, sorgen für Widertracht und verhindern die Vereinigung der Gesellschaft. Sie blockieren die Entwicklung von Gemeinschaft und ohne Gemeinschaft ist soziale Arbeit unmöglich. Kastenunterschiede behindern unseren Fortschritt bei jedem Schritt. Sie sind eine der größten Hürden in der Entwicklung von Gram-Swaraj, die in diesem Zeitalter der Wissenschaft unbedingt geboten ist. Darum müssen sie voll und ganz verschwinden.
Es ist wichtig, dass die Kastenunterschiede zuerst vom Hindu Dharma abgesondert und dann angegriffen werden; nicht als ein Teil des Hindu Dharma. Ich habe die Schriften gelesen und kann voller Überzeugung beteuern, dass es im Hindu Dharma keine Befürwortung von Kastenunterschieden gibt. Wenn man sie als integralen Teil des Hindu Dharma betrachtet werden sie nie verschwinden; dann stärkt man sie nur noch mehr.
Zur Beseitigung der Kastenunterschiede ist es wichtig, eine konstruktive Haltung und Wohlwollen zu haben. Oberflächliche Bemühungen bringen uns nicht weiter. Dieses Böse kann niemals durch Zwang und Gewalt beendet werden. Nur Liebe, das heißt, das Gefühl sozialer Solidarität, kann es zerstören. Bildung ist das wichtigste Gegenmittel. Zweitens sollte man sie vernachlässigen und umgehen. Die Kaste sollte kein Thema bei der Heirat sein. Wir sollten niemanden danach fragen, welche seine oder ihre Kaste ist und wenn uns jemand danach fragt, was unsere Kaste ist, sollten wir uns weigern zu antworten. Nicht-Vegetarismus ist einer der Gründe für die Entwicklung der Kasten. Er sollte aufgegeben werden. Kastenunterschiede sind zudem verbunden mit der Frage von körperlicher Arbeit und ihrer Würde. Der Ausweg ist eine neue Achtung vor der Würde körperlicher Arbeit, der wir eine gerechte Rückkehr verschaffen wollen.
Wir sollten allen dienen ohne Unterschied. Der Gedanke, dass das Dorf eine Einheit ist sollte möglichst weit verbreitet werden. Wenn das Privateigentum an Land abgeschafft ist (durch Gramdan), wenn jeder im Dorf ein Stück Land hat, wenn der Gram-Sabha (Dorfrat) zum Vehikel für Gram-Swaraj wird und die Menschen zusammenkommen für die Zusammenarbeit in wirtschaftlichen Aktivitäten und spirituellen Angelegenheiten, werden Kastenunterschiede zunehmend schwächer werden. Gramswaraj, die Selbstherrschaft des Dorfes, ist das Heilmittel für all die Krankheiten, die die Dorfgemeinschaft plagen. Sie schlägt an die Wurzel aller Miseren und Probleme.
Unser Ansatz
Eine Lampe brennt immer weiter, solange es keine starke Luftströmung in der Umgebung gibt; sonst geht sie aus. Eine Lampe geht auch dann aus, wenn es keine Luftströme gibt, nämlich wenn das Öl ausgeht. So wie eine Lampe Öl braucht, braucht ein Mensch Glaube und Hingabe in seinem Herzen. Und so wie eine Lampe eine ruhige Umgebung braucht, braucht es Frieden in der Gesellschaft. Nur wenn die menschlichen Herzen voller Hingabe sind und die Gesellschaft friedlich, kann das Licht der Erkenntnis sich weit und breit ausbreiten. Dann werden sowohl das individuelle als auch das soziale Leben erleuchtet. Es ist dieser Blickwinkel, von dem aus Sarvodaya beiden Aspekten Aufmerksamkeit schenkt: Der Reinheit des Einzelnen und dem Frieden in der Gesellschaft.
Heilige haben versucht das menschliche Herz zu verwandeln. Sie haben Glauben in das Gemüt der Menschen gepflanzt. Ihr Einfluss wirkt immernoch. Die Kommunisten haben versucht, eine Gesellschaft frei von Ausbeutung und Armut zu schaffen. Wir aber versuchen für die individuelle und die soziale Transformation gleichzeitig zu arbeiten. Individuen beeinflussen die Gesellschaft und die Gesellschaft beeinflusst Individuen. Darum arbeiten wir mit einem zweifältigen Ansatz für einen fundamentalen und permanenten Wandel.
Konflikt ist nicht der Weg
In diesen Tagen hat die Philosophie des Konflikts weite Verbreitung gefunden (Klassenkampf etc.). Ich habe eine Menge darüber gelesen und gehört, aber ich denke nicht, dass sie für Indien geeignet ist. Wir sollten stattdessen eine Philosophie des “Rührens” annehmen. Nicht Reibung, sondern Rühren tut heute not. Rühren produziert Butter, während Reibung für Hitze sorgt und infolgedessen für Energieverschwendung.
Revolution wird weder durch Liebe noch durch Konflikt verursacht. Nur Gedanken können zu einer Revolution führen. Reibung schwächt beide Parteien und Liebe kann bestenfalls Begeisterung in den Menschen hervorrufen. Aber nur Ideen können eine Revolution auslösen. Darum hefte ich meinen Glauben fest in die Verbreitung von Gedanken. Sicherlich würde ich nicht vor einem Konflikt zurückschrecken, wenn das für die Verbreitung der Gedanken nötig werden sollte. Aber es ist nicht der Konflikt, der zur Revolution führt. Shankaracharya glaubte an eine Verwandlung im Denken durch Erklärung seiner Ideen und Standpunkte. Er traf fromme und tugendhafte Menschen, bekehrte sie zu seiner Ansicht und verbreitete so Rechtschaffenheit durch sie. Ich stimme diesem Ansatz zu. Wenn die Menschen die Ideen annehmen, werden sie die Ideen auch automatisch in die Praxis umsetzen. Wir sollten wie ein Wegweiser sein; es liegt an den Menschen, dem Weg zu folgen, den sie bevorzugen.
Dieser Ansatz von Shankaracharya ist für jeden nachahmenswert. Es ist dieser Ansatz, der Konflikte vermeidet. In Europa hat sich die Kirche wissenschaftlichen Entdeckungen entgegengesetzt. In Indien ist nichts dergleichen passiert. Shankaracharya’s Ansatz hat sichergestellt, dass unabhängig gedacht und gewirkt werden konnte.
Die Verwandlung der Werte ist eine Sache; Menschen glücklich zu machen eine andere. Wir streben nach Ersterem. Eine solche Verwandlung ist was ich eine friedliche Revolution nenne. Eigentlich ist das Adjektiv ‘friedlich’ unnötig, denn eine Revolution ist notwendigerweise friedlich. Werte ändern sich immer nur in friedlicher Weise.
Statt uns in den Versuch einzuspannen alle Ungerechtigkeit zu beseitigen, sollten wir uns auf positives, konstruktives Wirken konzentrieren.
Weniger Aktivität, mehr Tun
Wir sollten in einer solchen Weise wirken, dass wir vermeiden, uns in Arbeit zu verstricken. Es liegt an den Menschen selbst, die Arbeit auf sich zu nehmen, ihre Bedingungen zu verändern. Wir sollten sie nur dazu motivieren und leiten.
Die Kraft des Tuns nimmt zu in Proportion zu der Reduktion der Intensität von Aktivität. Je feiner die Aktvität, desto mehr wird wirklich getan. Die Menschen, unter ihren gegenwärtigen Bedingungen kommen ohne groben Aktivismus nicht aus, aber es wäre zu wünschen, dass dieser grobe Aktivismus zunehmend reduziert wird. Mehr und mehr sollte ein geistiges Wohlwollen wirken. Ich glaube, dass über das Wohl anderer nachzudenken wirksamer ist als ihnen Gutes zu tun. Die Leute meinen, Reden sei mächtiger als Denken und Handeln mächtiger als Reden. Aber wenn das Mental erlischt², wird Reden mächtiger als Handeln und Denken mächtiger als Reden.
Wir sollten darum einen Prozess annehmen, in dem die Intensität von Aktivität immer weiter verringert wird und das Denken immer mehr zunimmt.
Die Macht der Worte
Ich glaube in die Macht der Worte. Waffen treten dann in Erscheinung, wenn diese Macht gelähmt wird. Die Macht der Worte hängt von zwei Faktoren ab. Erstens sollte unsere Rede authentisch mitteilen, was wir meinen, was wir im Sinn haben. Man glaubt, dass Politiker nicht meinen, was sie sagen; sie haben etwas anderes im Sinn. Darum tragen ihre Worte keine Überzeugungskraft in sich. Zweitens sollten Worte die Fähigkeit haben, die Menschen aufzurütteln. Das hängt von der Buße hinter unseren Worten ab.
Ich sage den Arbeitern darum immer wieder, dass sie während der Arbeit über das Wort ‘Sarvodaya’ nachdenken sollten. Solche Worte inspirieren und stärken uns. Ich habe größeren Glauben in Worte als in Organisationen.
Ein erfahrener Ingenieur konzipiert den Weg zur Bergspitze so, dass wir zur Spitze vorankommen ohne zu merken, dass wir einen Berg besteigen. Es ist eine Charakteristik revolutionären Denkens, dass es geschickt neue Ideen in ein altes Konzept einführt. Das Wort bleibt das selbe, aber seine Bedeutung wird verwandelt. Eine Revolution sollte auf eine solche Weise vollbracht werden, dass der Fluss der Tradition des Wissens, das ein Vermächtnis der Vergangenheit ist, weiterfließt.
Darum sollten wir alte Worte nicht aufgeben; stattdessen sollten wir sie mit neuen Bedeutungen stärken. Ansonsten werden wir unsere Waffen eine nach der anderen verlieren. Veredelung gibt einer alten Pflanze neue Kraft. Das sollte man auch mit Worten tun. In Indien ist das immer ein anerkannter Prozess gewesen. Das ist der Ablauf einer gewaltlosen Revolution.
Nicht Angriff, sondern Angebot
Der Prozess der Läuterung des individuellen und sozialen Lebens sollte unvermindert weitergehen. In diesem Prozess werden zwangsläufig gewisse Mängel angegriffen. Aber obwohl dieser Angriff gutgemeint sein mag, hat er einige Nebenwirkungen. Wir sollten uns einen Prozess ausdenken, der zur Läuterung führt und zur Beseitigung von Mängeln, während eine direkte Konfrontation mit ihnen vermieden wird. Das ist besonders in diesem Zeitalter der Wissenschaft nötig, in dem die Welt zu einem kleinen Nest geworden ist.
Viele große Männer haben in der Vergangenheit die Mängel in der Gesellschaft angegriffen, um Sozialreformen zu ermöglichen. Aber nun sollten wir einen anderen Prozess in Gang setzen. Nicht Angriff (prahar), sondern ein wohlwollender Geist, anderen zu helfen (upahar), sollte unseren Ansatz kennzeichnen. Wir sollten anderen nur unsere Gedanken anbieten, damit sie darüber nachdenken können. Gegenwärtig stoßen verschiedene Kulturen, Zivilisationen und Gedankenströme aufeinander. In einem solchen Szenario wird jeder Angriff Reaktionen heraufbeschwören und sich als kontraproduktiv erweisen. Die Situation braucht mehr Sanftmut, mehr Feinheit. So ein Prozess muss erforscht und entwickelt werden. Das ist was ich versuche.
Zusammenarbeit zwischen fünf Mächten
Fünf Mächte müssen in der Gesellschaft stark sein und es sollte enge Zusammenarbeit zwischen ihnen geben. Nur dann können der Einzelne und die Gesellschaft gesunden.
Die erste Macht ist wie der Daumen. Der Daumen ist stark. Ich vergleiche ihn mit der Macht der Menschen (lokniti). Ich habe viel über den Aufbau der Macht der Menschen nachgedacht. Es beinhaltet jedes Dorf zu einer einzigen Familie zu machen und den Geist von Gramswaraj zu fördern — die Autonomie und Autarkie der Dorfgemeinschaft.
Die zweite Macht ist wie der kleine Finger. Ich vergleiche ihn mit der Macht der Guten in der Gesellschaft — in anderen Worten, die Macht der selbstlosen Arbeiter, die ihr Leben auf fundamentalen, moralischen Werten wie Wahrheit und Gewaltlosigkeit gegründet haben und den Menschen im Lichte dieser Werte dienen. Es ist meine Hoffnung, dass eines Tages eine Gemeinschaft der Rechtschaffenen in der Gesellschaft Gestalt annimmt.
Die dritte Macht ist wie der Zeigefinger. Sie zeigt den Weg. Sie habe ich die ‘Macht der Gelehrten und Weisen’ genannt. Weise und gelehrte Individuen sollten die Geschehnisse in der Welt objektiv studieren und den Menschen ihre wohlüberlegte Ansicht darlegen. Diese Macht sollte zunehmend stärker werden mit zunehmenden Einfluss sowohl auf den Staat als auch auf die Zivilgesellschaft.
Die vierte ist die Macht der Geschäftsleute und Unternehmer. Man sagt, das gemeine Volk würde dieser Klasse folgen.
Die fünfte Macht ist wie der Ringfinger — er hat keine bestimmte Funktion wie die anderen Finger. Er sollte mit den anderen Fingern zusammenarbeiten. Die Macht des Staates ist wie dieser Finger. Sie sollte nur jene übrigen Funktionen erfüllen, die von den anderen Kräften nicht abgedeckt werden.
Aber jetzt ist gerade diese Macht an die erste Stelle getreten — nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt. Sie hält die Welt fest im Würgegriff. Nur die Macht der Gewaltlosigkeit ist fähig, die Macht des Staates zu verwelken. So wie die Sarvodaya Gesellschaft schrittweise entwickelt wird, sollte die Macht des Staates sich immer mehr zurückentwickeln und irgendwann auf ein nur noch nominales Dasein reduziert werden.
Die Zusammenarbeit zwischen diesen fünf Mächten ist wesentlich für eine gesunde Gesellschaft. Es sollte gegenseitiges Vertrauen zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft geben. Nur dann kann die Welt friedlich sein und erblühen.
Das Sanskrit Wort für ‘Vertrauen’ ist ‘Vishwas’, das abgeleitet ist von ‘shwas’, das heißt Atem. Vertrauen ist für das gesellschaftliche Leben so wichtig wie der Atmen für das Leben des Einzelnen.
Ohne gegenseitiges Vertrauen zwischen ihren verschiedenen Teilen, ist die Gesellschaft so gut wie tot.
Fünf Einwände gegen meine Strategie
Fünf Einwände wurden seit Beginn der Bhudan Bewegung (Landschenkungsbewegung) immer wieder gegen meine Strategie erhoben.
Der erste ist: Ich würde keine Satyagrahas unternehmen. Satyagraha würde Inbrunst und Begeisterung in der Bewegung entfachen und ohne das würde der Bewegung der Atem ausgehen. Ich behaupte dagegen, dass es den sogenannten Satyagrahas (‘Wahrharren’, gewaltlose Kämpfe) dieser Tage an Wahrheit fehlt; sie zeigen nur agraha, Beharren. Als Folge wurde der Begriff ‘satyagraha’ degradiert. Er wurde in Ungnade gebracht. Ich glaube nicht an solche Satyagrahas. Ich sehe nicht, dass sie wirksam wären. Ich habe mein Satyagraha, mein Wahrharren, kontinuierlich ausgeführt und rechne damit, dass es allen Arten von Ungerechtigkeit widersteht. Fasten ist keine wirksame Technik mehr, nachdem man es durch wiederholten Gebrauch abgestumpft hat. Das ist meine Antwort auf den ersten Einwand.
Der zweite Einwand ist: Ich würde den politischen Aspekt vernachlässigen. Aber in dieser Beziehung habe ich das Konzept von lokniti³ geschaffen. Ich bin fest davon überzeugt, dass konventionelle Politik der Vergangenheit angehört. Sie ist unzeitgemäß geworden. Wir streben danach, konventionelle Politik in lokniti zu verwandeln. Der Schlüssel für die Lösung aller Probleme liegt in lokniti (Menschenmacht - lokniti, statt Herrschaftsmacht - Politik).
Der dritte Einwand ist: Ich würde mich darauf konzentrieren, mehr und mehr Gramdans⁴ zu kriegen, anstatt die Dörfer, die sich für Gramdan entschieden haben, zu entwickeln; dass das keine gute Strategie wäre; dass wir auch einige Modelldörfer schaffen sollten. Aber der Punkt ist: Dieser Entwicklungsprozess ist notwendigerweise kontinuierlich, er geht unaufhörlich weiter. Nur durch das Gramdan Programm wird dieser Prozess ein festes Fundament und die richtige Richtung erhalten. Wir haben gesehen was die Folge von Entwicklung ohne das Fundament von Gramdan ist.
Der vierte Einwand ist: Ich würde den allgemeinen Problemen der Bevölkerung keine Aufmerksamkeit schenken. Viele glauben, dass wir uns der alltäglichen Probleme der Menschen annehmen sollten. Ich behaupte dagegen, dass ich damit beschäftigt bin, mich der Grundlage aller Probleme anzunehmen. Die gegenwärtige Lage erfordert ein solches und kein oberflächliches Vorgehen.
Der fünfte Einwand ist: Obwohl ich von ‘Jai Jagat’⁵ spreche, sei mein Ansatz nicht global; er würde nationalistische Empfindungen erkennen lassen. Aber Indien ist wie die Welt in Miniatur; die Begründung einer pan-indischen Perspektive würde unweigerlich zur Begründung auch einer globalen Identität führen — und das ist womit ich mich befasse.
Das sind meine Antworten auf die Einwände, die gegen meine Strategie vorgebracht worden sind. Hätte ich in irgendeiner davon irgendeine Substanz gefunden, hätte ich meine Strategie mit Sicherheit entsprechend angepasst.
¹ Einteilung der Gesellschaft in vier Abteilungen oder Varnas: Brahmanen (Lehrer, Priester, Gelehrte), Kshatriyas (Krieger, Verwalter, Könige), Vaishyas (jene, die mit Handel, Ackerbau und Tierzucht beschäftigt sind) und Shudras (Handwerker und alle, die körperliche Arbeit verrichten). Das Varna System beschreibt allein diese vier Abteilungen, zu denen Menschen sich berufen fühlen können oder berufen sind; das Kastensystem jedoch verwandelt diese Abteilungen in eine Frage der Abstammung und des Blutes, schließt einige komplett aus allen vier Abteilungen aus, die sogenannten “Unberührbaren”, beschreibt einige dieser Abteilungen als den anderen überlegen, gibt ihnen unterschiedliche Rechte und Pflichten, verbietet Vermischung, zwingt einigen körperliche Arbeit auf, während andere körperliche Arbeit ablehnen etc. Der Grundgedanke des “Varna Systems”, das Vinoba nicht ablehnt, hat mit all dem nichts zu tun; das Kastensystem jedoch, mit seinen schädlichen Unterscheidungen, lehnten Gandhi und Vinoba ab.
² Das “Erlöschen” des Mentals ist eine Metapher für Befreiung, indem das “Ich” überwunden wird.
³ Siehe Vinoba’s ‘Swaraj and Lokniti’ (Varanasi: Sarva Seva Sangh Prakashan, 2014) für eine ausführliche Darstellung des Konzepts von lokniti, Vinoba’s Alternative zu konventioneller demokratischer Politik.
⁴ Gramdans = Dorfschenkungen, Dorfgaben, das sind Dörfer, die sich für gemeinsames Eigentum an Land entscheiden und sich selbst verwalten (das Land liegt dann in den Händen des Dorfrates, an dem alle Dorfbewohner teilnehmen).
⁵ Jai Jagat, “Heil der Welt” oder “Sieg der Welt” oder auch “Heil den Lebenden”, war ein von Vinoba geprägter Ausruf, mit der er den nationalistischen Tendenzen (“Heil Indien”) seiner Zeit eine kosmopolitische Perspektive entgegengestellt hat.