Vinoba / Fragmente einer Vision

1. Der Weg und das Ziel

Mein Weg

Ich bin ein Erforscher auf einem bestimmten Weg. Es ist meine Mission, die Potentiale der Gewaltlosigkeit zu erforschen. Das einzige Motiv hinter all meiner Arbeit, die ich bisher unternommen oder wieder aufgegeben habe, ebenso wie hinter der Arbeit, mit der ich mich jetzt befasse, dient diesem einen Zweck — Experimente zu machen mit der Gewaltlosigkeit.

Wie können Schwierigkeiten jeder Art im Leben der Gesellschaft und im Leben des Einzelnen durch Gewaltlosigkeit überwunden werden? Das herauszufinden ist mein Hauptziel. Das ist mein oberster Auftrag.

Meine jahrelange Wanderung (padayatra) in Verbindung mit Bhudan-Yajna (“Landopfergabe”) war einzig dazu da, eine Vereinigung der Herzen herbeizuführen. Das war das einzige Motiv hinter allem was auch immer ich in meinem Leben tat.

Ich glaube fest daran, dass das menschliche Wesen ein denkendes Wesen ist. Eine Wandlung im Denken führt zu einer Verwandlung im Leben. Es kommt vor, dass Leute dem, wovon sie glauben, dass es richtig ist, nicht folgen, wenn gegensätzliche Strömungen in der Gesellschaft sehr stark sind oder wenn Begierden oder Leidenschaften sie ins Wanken bringen. Aber sobald ein Mensch von einem Gedanken angesprochen wird, ist dieser dazu bestimmt in ihm zu wirken; sein Leben ist dazu bestimmt, früher oder später von diesem Gedanken verwandelt zu werden. Das ist ein Kennzeichen des Menschen. Menschlicher Fortschritt fand immer in dieser Weise statt, für tausende von Jahren.

Das ist der Grund aus dem ich immer wieder meine Ansichten erläutere. Meine Aufgabe ist es, meine Gedanken zu verdeutlichen. Ich bin davon überzeugt: Sobald der Same eines Gedankens ausgesät ist, wird er auch keimen. Die Leute fragen: “Aber wie lange wird das dauern?” Meine Antwort: “Es hängt davon ab, wie viel Zeit du dir nimmst, ihn zu begreifen.”

Ich glaube an die Macht von zwei Dingen: Liebe und Denken. Mit dieser Überzeugung wandere ich umher. Darin liegt meine Kraft. Was ich mir wünsche wird dann erreicht, wenn ihr die Gedanken vollkommen begreifen könnt. Ich will niemandem irgendetwas aufzwingen. Ihr solltet nur dann nach diesen Gedanken handeln, wenn ihr davon überzeugt seid, dass sie wahr sind.

Es wäre falsch, wenn ich versuchen würde irgendetwas durch Stärke aufzuzwingen. Ebenso wäre es falsch, würde ich versuchen irgendetwas aufzuzwingen mit der Behauptung, im Besitz eines höheren Wissens zu sein. Und es wäre auch falsch, jemanden zu zwingen, meine Ansicht zu akzeptieren durch solche Akte wie selbst auferlegtes Leiden, wie durch Fasten. Man sollte nur fasten zum Zweck der Selbstläuterung, der inneren Prüfung, zur Unterstützung der Meditation oder zur Bekräftigung der eigenen Entschlüsse. Ich würde es so sagen: Etwas durch physische Kraft zu erzwingen ist tamasisch falsch, etwas durch die Kraft selbst auferlegten Leidens zu erzwingen, ist rajasisch falsch, und etwas durch die Kraft des Wissens aufzuzwingen, ist sattvisch¹ falsch. Sie alle sind eine Form von Zwang. Unsere Ansicht liebevoll zu erläutern ist das einzig Richtige und Rechtschaffene, was wir tun können.

Ich glaube, dass im Inneren eines jeden eine Flamme brennt, die niemals schwächer wird. Aber wenn etwas sie verdeckt, wird das Licht behindert. Sobald diese Decke entfernt wird, verbreitet sich augenblicklich das Licht. Wie aber kann diese Decke entfernt werden? Durch Verstehen von Gedanken. Das ist der Weg.

In homöopathischer Medizin ist eine sehr geringe Quantität des Arzneimittels und eine viel höhere Menge an Zucker. Der Arzt mahlt sie immer weiter zusammen. Man sagt, das Mahlen und Schütteln würde die Potenz der Medizin verbessern. Die Gedanken, über die man immer und immer wieder meditiert, werden ansprechender und wirksamer. Gedanken sollten von Liebe durchtränkt sein. Liebe ist wie Zucker. Wenn die Leute einen Gedanken zu hart zu verdauen finden, sollte man die Quantität der Medizin verringern und die Quantität der Liebe erhöhen, um ihn leichter verdaulich zu machen.

Es sollte ausreichen, reine Gedanken zu reflektieren, sie zu verstehen, nach ihnen zu handeln und sie anderen zu erklären. Über reine Gedanken zu reflektieren und sie in Worte zu fassen ist an sich schon ein bedeutsamer Akt. Der Gedanke sollte in unserem Leben zu entsprechendem Handeln führen. Die einzige Pflicht, die wir dann anderen gegenüber haben, ist ihnen den Gedanken zu erklären. Nichts weiter. Und wir sollten der notwendigen Disziplin zur Selbstläuterung folgen. Das ist alles was wir zu tun haben.

Wir sind nicht stolz auf irgendein Land. Wir bestehen nicht darauf, irgendeine Religion zu praktizieren. Wir sind nicht gebunden durch die Fesseln irgendeines Credos oder einer Kaste. Unser Studium besteht darin, durch den schönen Garten all der edlen Ideen der Welt zu wandern. Es ist unsere Pflicht, sie zu absorbieren. Wir zielen auf eine kreative Synthese der verschiedenen, besonderen Merkmale in ihnen ab und wollen eine universale Perspektive fördern. Das ist unser ideologisches² Bestreben.

Vier Komponenten der Ideologie

Mein Denken und meine Vision hat vier Hauptkomponenten. Ganz oben steht das ultimative Ziel, das ich Samyayoga³ genannt habe. An zweiter Stelle steht die Philosophie, in welcher ich für Samanvaya eintrete (verschiedene Gedankenstränge zusammenzubringen und zu harmonisieren). An dritter Stelle steht das soziale und politische Ziel, das ist Sarvodaya⁴. Und die Methode, mit der wir dieses Ziel verfolgen, ist Satyagraha⁵.

Sarvodaya ist die soziale Ordnung, die auf dem Fundament der Lebensweise steht, die wir mit Satyagraha bezeichnen. Um das zu erreichen müssen wir verschiedene Ideen und Ideologien zusammenbringen und miteinander versöhnen, indem wir ihre Konflikte überwinden [das ist das Prinzip von Samanvaya]. Versöhnung beendet alle Argumente und Dispute, was letztendlich zum Gleichmut des Einzelnen und der Gesellschaft führt — das nenne ich ‘Samyayoga’.

‘Samyayoga’ ist ein Wort aus der Gita, ‘Samanvaya’ ist ein Wort aus dem Vedanta (upanischadische Philosophie) und das Wort ‘Sarvodaya’ ist ein modernes Wort, das aus dem Westen zu uns kam.⁶

Indien, auch als sie⁷ in Fesseln war, hat der Welt drei große Ideen gegeben: (1) Ramakrishna Paramahansa brachte vor, die Welt könnte gerettet werden, wenn alle Religionen miteinander versöhnt werden. (2) Sri Aurobindo hatte die Idee, die Welt würde nur dann gerettet werden, wenn wir auf die “supramentale” Stufe steigen. (3) Gandhiji hielt dafür, dass die Welt gerettet würde, wenn die Macht der Gewaltlosigkeit durch Satyagraha Gestalt annimmt. Ich möchte demütig unterbreiten, dass eine vierte Idee in Erscheinung tritt — samyayoga, eine neue Entdeckung der Gegenwart.

Samyayoga

‘Samyayoga’ hat eine dreifache Bedeutung. Es ist (1) der Yoga, der vermittels samya zu erreichen ist, (2) der Yoga, der zur Erreichung von samya zu praktizieren ist, und (3) der Yoga, der an sich samya ist.

Bedürfnis nach Gleichheit

Ein Bauer weiß, dass das Feld eben sein sollte, nicht uneben. Wenn es Hügel gibt, wird das Wasser dort herunterlaufen und für die Ernte nicht von Nutzen sein; und wenn es Mulden gibt wird das Wasser sich dort ansammeln und stehen und die Ernte wird verrotten. Darum ebnet er Hügel und füllt Mulden auf, um eine gute Ernte zu haben. Ebendas ist auch in der Gesellschaft nötig.

Ansammlungen (von Reichtum) führen zu Faulheit und treiben dazu an, andere auszurauben. Das erschafft einen gefährlichen Teufelskreis. Nur wenn es Gleichheit gibt sind Sicherheit und Frieden gesichert. Ebenso wie das menschliche Gemüt friedlich ist wenn es keine extremen Empfindungen hat.

Heute ist die Gesellschaft von Unterschieden aller Art befallen. Kastenunterschiede schwächen die Gesellschaft, weil sie die Bildung von Gemeinschaft behindern. Tatsächlich kann es ohne Gleichheit keine Gesellschaft im eigentlichen Sinne geben. Die Probleme, mit der die Welt konfrontiert ist, können ohne sie nicht gelöst werden.

Suche nach Gleichheit

Gewiss, die Ungleichheit greift gegenwärtig nicht nur in Indien um sich, sondern in der ganzen Welt. Und doch ist dies das Zeitalter der Gleichheit. Jedes Zeitalter hat ein bestimmtes, vorherrschendes Bedürfnis und dementsprechend verbreitet sich ein bestimmtes, hohes Ziel. In einem Zeitalter bewertet man die Freiheit am höchsten, in einem anderen das Gewissen, in wieder einem anderen das Dienen. Jeder in diesem Zeitalter bemüht sich um dieses hohe Ziel. In unserem gegenwärtigen Zeitalter gibt es eine Suche nach Gleichheit. Der Hunger nach Gleichheit ist heute so stark, dass die Völker bereit sind, den Pfad der Gewalt zu wählen, um die Ungleichheiten auszurotten, obwohl sie sich ihrer Fehler und Gefahren bewusst sind. Jeder will Gleichwertigkeit in seinen Beziehungen zu anderen. Es gab immer einen Hunger nach Gleichheit; aber nun intensiviert die Wissenschaft diesen Hunger. Das ist offensichtlich in jedem Winkel und jeder Ecke der Welt.

In diesen Tagen rufe ich zu Landgaben auf, so dass Land an die Landlosen gegeben werden kann. Manche Leute betrachten das als unnötig; sie sagen, dass es genügen würde den landlosen Arbeitern höhere Löhne zu zahlen; dass sie das zufriedenstellen würde. Aber wenn die Arbeiter für immer Arbeiter bleiben und die Eigentümer für immer Eigentümer bleiben, wird das die Gesellschaft nicht glücklich machen. Das wird nicht zum Wohle Aller führen.

Umfassende Vision

Bhudan (Landgabe oder Landschenkung) ist nichts als ein Keil. Wie kann man die Leute der Anhaftung entwöhnen? Der Anfang wird gemacht durch den Verzicht auf das Eigentum von Land. Land zu geben bedeutet nicht, irgend jemandem gefällig zu sein. Schließlich wollen wir, dass das Land des Dorfes eines Tages dem ganzen Dorf gehört. Danach werden wir sagen, dass die Menschen einer stark besiedelten Provinz ausziehen mögen um sich in einer Provinz anzusiedeln, wo es im Verhältnis zu den Menschen mehr Land gibt. Ebenso könnten Menschen in einem dicht besiedelten Land ausziehen, um sich in einem Land anzusiedeln, wo es im Verhältnis zu den Menschen mehr Land gibt. Es sollte auf dieser Mutter Erde keine Grenzen geben. So sollten wir Weltbürger werden und alle wirtschaftlichen, sozialen und politischen Differenzen überwinden. Alle Luft, alles Wasser, alles Sonnenlicht der Erde und diese Erde selbst gehört allen. Das ist die umfassende Vision von Samyayoga.

In Samyayoga wird es keine Unterschiede geben zwischen hoch und niedrig. Alle werden gleichgestellt sein. Wir werden uns niemals einem anderen unterwerfen, noch werden wir irgendjemanden uns unterwerfen. Es ist ein Laster jemanden zu fürchten und es ist ebenso ein Laster in jemandem Furcht zu erregen. In Samyayoga gibt es keine Frage von Unterdrückung oder Unterdrücktwerden.

Mitgefühl ist die Wurzel, nicht das Ende

Es gibt zwei Prozesse, durch die wir Gleichheit erreichen können: Einer ist der des Mitgefühls und ein anderer ist der des Argwohns. Argwohn bedeutet, diejenigen die auf der sozialen Leiter über uns stehen, herunterzuziehen, um Gleichheit zu schaffen. Mitgefühl bedeutet, eilig dafür zu sorgen, diejenigen hochzuziehen, die unter uns sind, um Gleichheit zu schaffen. Nur der Prozess, der in Mitgefühl wurzelt, kann Samyayoga verwirklichen.

Wenn du einen Kübel voll Wasser aus einem Brunnen nimmst, wird man darin keine Grube von der Größe des Kübels finden. Stattdessen sinkt der Wasserstand, weil das Wasser danach drängt, die Leere zu füllen. Aber wenn ihr von einem Haufen von Getreide ein paar Körner weg nehmt, bildet sich eine Grube. Nur einige hochbeseelten Körner drängen danach, die Leere zu füllen. Das Wasser macht sich selbst gleich, wegen einer gegenseitigen Affinität zwischen seinen Tropfen. Samyayoga braucht eine solche mitfühlende Haltung.

Der heilige Tulsidas sagte, Mitgefühl sei die Wurzel der Religion. Ja, aber es ist nicht ihr Ende. Wenn der Baum der Religion vollkommen erblüht, wird er die Frucht der Gleichheit tragen. Ohne Gleichheit kann es keine Religion geben. Darum bitte ich diejenigen, die Land geben, ein Gelübde abzulegen, den Armen zu dienen. Land zu schenken ist nur der erste Schritt. Wenn ihr selbst arm werdet im Laufe des Dienstes an den Armen, dann wird Gleichheit begründet. Elend wird enden, wenn es geteilt wird. Dann wird jeder auf der gleichen Stufe sein. In den Augen von Sarvodaya sind sowohl Elend als auch Wohlstand schlecht.

Während einem Gespräch mit einer britischen Schwester, sagte ich, dass Indien aufgrund der Armut vielen Problemen gegenübersteht, aber dass es nicht so ist, dass nur Armut Probleme verursachen würde; Wohlstand ist ebenso Ursache vieler Probleme. Sie war einverstanden und fügte hinzu, dass die Probleme, die in Amerika aus dem Wohlstand heraus entstehen womöglich schwerwiegender sind. Das ist wahr.

Gleichgewicht und Ausgeglichenheit notwendig

Manche Leute denken, mit dem Anstieg des Lebenstsandards würde auch das Glück zunehmen. Aber das ist nicht der Fall. Eine Person ist eher dann am glücklichsten, wenn sie sich in einer Position zwischen Armut und Wohlstand befindet. Extreme Armut verursacht viele Laster, und das selbe gilt im Bezug auf extremen Wohlstand. Wenn die Extreme von Genuss und Qual verhindert werden, erhält man Frieden und Zufriedenheit. In beiden, Genuss und Qual, liegt eine Gefahr. Ist die Straße flach können die Ochsen glücklich den Karren ziehen und der Fahrer muss sich um nichts kümmern; er mag sogar einschlafen. Aber wenn es ein beträchtliches Gefälle gibt, könnten die Ochsen anfangen zu rennen und der Karren mag in einem Schlagloch landen. Ebenso, wenn es einen Anstieg gibt, könnten die Ochsen sich weigern sich zu bewegen. So ist es auch mit den Menschen. Genuss ähnelt einem Abhang und Qual ähnelt einem Aufstieg. Im Genuss verlangen die Sinnesorgane nach mehr davon und rasen voraus. Und unter Qual kommen sie zum Stillstand.

Ein Karren ist sicher, wenn die Straße eben ist; sowohl das menschliche Gemüt als auch die Gesellschaft sind sicher im Gleichgewicht und Gleichmut. Das ist Samyayoga.

In allen Aspekten des Lebens sollte man Ausgeglichenheit suchen. Es ist notwendig im spirituellen, wirtschaftlichen und auch im sozialen Bereich. Der Unterschied zwischen hoch und niedrig verhindert den Fortschritt der Gesellschaft. Ein Ochsenkarren kann sich nicht bewegen, wenn einer der Ochsen groß ist und der andere klein. Heute haben ein paar Leute Lesen und Schreiben gelernt während andere nicht lesen und schreiben können. Die Belesenheit von ein paar wenigen ist in praktischen Angelegenheiten wenig von Nutzen, während den Ungebildeten selbst rudimentäres Wissen fehlt. Das ist keine glückliche Situation für die Gesellschaft.

Keine mathematische Gleichheit

Ich habe einen Aphorismus formuliert, [gmå¶§ g‘mYmZ‘²—s] — samya, Gleichheit ist Zufriedenheit aller. In einer Familie gibt es Liebe für jedes Mitglied und doch stehen die Dinge nicht für jeden von ihnen gleich. Wenn die Kinder klein sind, haben die Eltern die Hauptrolle. Wenn die Kinder größer werden, kehrt sich diese Lage um. Aber das zieht in keiner Weise die Liebe zwischen ihnen in Mitleidenschaft. Wenn wir mathematische Gleichheit einführen wird das die Welt nur freudlos machen; es wird mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Ich will keine mathematische Gleichheit; ich stehe eher für eine Gleichheit wie die zwischen den Fingern. Unsere fünf Finger sind nicht gleich lang, aber sie arbeiten zusammen und führen so unzählige Aktionen durch. Sie sind nicht gleich lang, aber es ist auch nicht so, dass einer nur einen Zoll lang wäre und ein anderer einen Fuß lang. Ihre Länge ist nicht gleich, aber sie unterscheiden sich nicht drastisch voneinander. Das ist was ich mir wünsche.

Gleichheit sollte mit weisem Urteilsvermögen einhergehen. Eine Mutter gibt ihren Kindern nicht gleich viel Nahrung. Das hängt von ihrem Alter ab, ihrem Bedürfnis und ihrer Fähigkeit, die Nahrung zu verdauen. Eine solche Unterscheidung ist notwendig. Es ist eine innere, spirituelle Gleichheit, die wir suchen, keine mechanische.

Spirituelle Grundlage

Samyayoga bedeutet, alles mit Gott zu verbinden. Wir wollen eine Gesellschaft schaffen, die auf der Überzeugung gründet, dass Gott das ganze Weltsamt erfüllt und durchdringt. Samyayoga beinhaltet darum, uns mit allen gleich zu machen. Was ich brauche sollte allen zur Verfügung stehen. Ich sollte andere nähren, wie auch ich genährt werden will, wenn ich hungrig bin. Ich sollte anderen Wasser geben, wie auch ich Wasser erhalten will, wenn ich durstig bin. Ich sollte andere nicht verletzen, wie auch ich nicht verletzt werden will. Ich will Freude; darum sollte ich anderen Freude machen. Wenn dieser Grundsatz von allen befolgt wird, werden alle Konflikte enden und die Welt wird wahrhaft ein Himmel werden.

Dasselbe Selbst⁸ existiert in allen. Wenn das begriffen wird, werden wir gewaltlos zu bleiben imstande sein. Dann kann niemand einen anderen verletzen, denn andere verletzen ist das Gleiche wie uns selbst verletzen.

Samyayoga bezeugt, dass das selbe Selbst allen Menschen innewohnt. Darum unterscheidet es nicht zwischen Mensch und Mensch. Es glaubt nicht einmal, dass es irgendeinen grundlegenden Unterschied zwischen dem Selbst in Menschen und anderen Lebewesen gibt. Der einzige eingestandene Unterschied ist, dass das Selbst in den Menschen zu einem Wachstum fähig ist, das in anderen Geschöpfen nicht erreicht werden kann. Und auch unter den Menschen können nicht alle denselben Grad an Entwicklung haben, doch ist den Menschen Entwicklung durch Bildung möglich. Bei anderen Geschöpfen ist es nicht so. Aber da die ganze Schöpfung eine Heimstatt des selben Selbstes ist, sollten wir, so weit als möglich, jede Spezies beschützen.

Ganzheitliche Theorie

Samyayoga ist eine ganzheitliche Theorie des Lebens. Weder setzt es sich irgendeiner starren Reihe von Ideen und Glaubenssätzen entgegen noch fördert es eine solche. Es ist keine Reaktion auf irgendeine Ideologie. Wir wünschen uns, ein solides Fundament für das Leben zu bauen und das gesamte Bauwerk auf diesem Fundament zu errichten. Es ist ein fundamentaler Gedanke, der darauf abzielt, jeden Aspekt des Lebens zu verwandeln und mit Hilfe der Wissenschaft eine neue soziale Ordnung zu schaffen.

Samyayoga bezeugt nicht nur die Einheit des Selbst, sondern wünscht sich auch, auf dieser Grundlage tiefer zu gehen. Darum hat es revolutionäre Konsequenzen auf moralischem, wirtschaftlichem, sozialem und politischem Gebiet. Wenn wir eine grundlegende, spirituelle Idee annehmen, dringt sie in viele Facetten des Lebens ein.

Revolution in allen Bereichen

Wenn wir spirituell eins sind, gehören unsere Fähigkeiten und Besitztümer nicht uns, sondern allen. Wir sollten sie als gottgegeben betrachten und sie der Gesellschaft weihen. Welche Gestalt Reichtum auch annehmen mag, wir sind nicht seine Eigentümer; wir sind nur seine Treuhänder. Auch unser Körper ist nicht wirklich uns; wir sind bloß seine Treuhänder.

Wenn die Leute sich selbst als Eigentümer von Reichtum betrachten, kommt es zu einem Konflikt ihrer Interessen. Aber wenn die Idee der Treuhänderschaft ins Spiel kommt, wird der gesamte Denkprozess radikal verwandelt. Völlige Hingabe der eigenen, beschränkteren Interessen am Altar der Gesellschaft gewährleistet das Wohl des Einzelnen. Mein echtes Selbstinteresse liegt darin, meine Interessen der Gesellschaft hinzugeben und dann unablässig nach dem Wohl der Gesellschaft zu streben.

Wer der Gesellschaft dient so gut er nur kann, verdient sich so seinen Lebensunterhalt. Der Dienst von einer benachteiligten Person mag geringer ausfallen, dennoch verdient sie einen Lebensunterhalt. Die Idee mehr oder weniger Unterhalt zur Verfügung zu stellen je nach mehr oder weniger “Leistungsvermögen”, ist falsch. Der Unterhalt ist eine physische Sache; Dienst ist eine moralische. Eine moralische Sache kann man nicht in den Begriffen einer physischen Sache bewerten.

Daraus folgt, dass jede Art von Arbeit denselben Lohn haben sollte. Heute ist der Lohn für körperliche Arbeit geringer als der für geistige Arbeit. Die letztere wird auch mehr gewürdigt. Aber für eine solche Ungleichbehandlung gibt es absolut keine Grundlage. Natürlich kann es verschiedene Arten von Dienst oder Leistung geben. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Dienst einer Mutter und dem ihres Sohnes. Es gibt einen Unterschied in der Leistungsfähigkeit. Jeder Finger hat seine eigene, markante Rolle, aber alle Finger sind gleichwertig. Darum sollte für alle gesorgt werden.

Gemäß Samyayoga sollte ein jeder die Möglichkeit vollständiger Entwicklung und Bildung erhalten und gleiche Entlohnung für die geleistete Arbeit, egal von welcher Art. Wenn es Unterschiede in der Entlohnung gibt, wird die Entwicklung fehlgeleitet. Auch sollte jede Art von Arbeit den gleichen, sozialen Status haben.

Jedem wird Arbeit und Nahrung zugesichert. Zu diesem Zweck werden die Rohmaterialien im Dorf auch im Dorf selbst verarbeitet und Endwaren produziert werden müssen, um regionale Selbstversorgung zu erreichen. Jedes Dorf wird selbständig. Die Wirtschaft einer samyayogi Gesellschaft wird im Wesentlichen ländlich sein. Es wird eine dezentralisierte Wirtschaft sein. So bringt Samyayoga eine Revolution im wirtschaftlichen Bereich mit sich.

Auch im Bereich der Politik verändern sich unsere Werte, wenn wir die Vision von Samyayoga annehmen. Dann geht unser Bestreben nach einer Gesellschaft, die frei ist nicht nur von Ausbeutung, sondern auch von der Macht durch Zwangsausübung durch den Staat. Die Autorität der Verwaltung wird über all die Dörfer verzweigt. Jede Dorfgemeinschaft wird eine Selbstherrschaft sein; das Zentrum hat nur nominale Autorität. Es wird einen stetigen Fortschritt zu einer staatsfreien Gesellschaft geben.

Die soziale Sphäre wird Kastenunterschieden und dem Gefühl von hoch und niedrig entledigt sein.

So sucht Samyayoga in wirtschaftlichen, moralischen, sozialen und politischen Bereichen eine Transformation zu verursachen. Es verändert moralische Werte und verursacht so eine Revolution in allen Lebensbereichen. Das ist es was echte Revolution bedeutet.

Die Gita als Samyayoga

Der Gita wurden verschiedene Titel gegeben, abhängig von verschiedenen Interpretationen ihrer Essenz. Lokmanya Tilak nannte sie ‘Karmayoga’ (Yoga des selbstlosen Handelns). Gandhiji nannte sie ‘Anasaktiyoga’ (Yoga der Nicht-Anhaftung). Alle diese Namen sind angemessen. Aber wenn ein alles umfassender Name gegeben werden sollte, dann sollte das ‘Samyayoga’ sein.

Die Verse 6.29 bis 6.32 in der Gita⁹ beechreiben die Essenz der Gita als Samyayoga. Sie verkörpern die Philosophie einer samyayogi Gesellschaft in aller Kürze. Ich habe folgende Schlussfolgerungen aus ihnen abgeleitet:

  1. Es sollte keine zwingende Macht über eine Gesellschaft regieren. Die Gesellschaft sollte regiert werden von edlen Gedanken, die freiwillig akzeptiert und befolgt werden.

  2. Alle Fähigkeiten und Begabungen der Einzelnen sollten der Gesellschaft hingegeben werden und die Gesellschaft sollte jedem Einzelnen Entwicklungsmöglichkeiten geben.

  3. Jeder Dienst, der ehrlich und aufrichtig und gemäß der eigenen Leistungsfähigkeit erbracht wird, sollte denselben moralischen, sozialen und wirtschaftlichen Wert haben.

Die Ideen von Yajna (Opfer), Tapas (Entbehrungen) und Dana (Gaben, Wohltätigkeit) in der Gita sind dazu da, Gleichgewicht zu schaffen und Samyayoga zu begründen.

Siehe das Selbst als jedem Wesen innewohnend und alle Wesen im Selbst, sagt die Gita (6.29). Jemand ist nicht befreit, indem er denkt, dass er mit niemandem etwas zu tun hat und niemand sich um ihn sorgen muss. Er ist befreit wenn er erkennt, dass er allen gehört und alle zu ihm gehören.

Andere als einen Selbst zu betrachten — alle Religionen haben das zur höchsten moralischen Maxime gemacht. Während wir mit anderen umgehen, sollten wir daran denken, was wir fühlen würden, wenn wir in ihrer Lage wären. Unser Verhalten gegenüber anderen sollte sich danach richten, was wir von anderen erwarten.

Von dem was wir fühlen und brauchen können wir eine Idee von den Gefühlen und Bedürfnissen anderer erhalten. Lasst uns nicht nur unseren Körper als zu uns gehörig betrachten; andere Körper sind auch uns, auch um sie sollten wir uns kümmern. Ich bin es, der alles tut in Form aller Wesen — wir sollten die Erfahrung einer solchen umfassenden Durchdringung machen.

Unser abhidheya

Was ist unser abhidheya — das zentrale Subjekt unseres Anliegens und Betrachtens? Abhidheya unterscheidet sich sowohl vom ultimativen Ziel als auch vom kurzfristigen Ziel. Es ist das, worum sich all unser Denken, Meditieren und Tun dreht. Es ist das, was die Richtung bestimmt, in welche alle unsere Gedanken hinzuwenden, die Organe einzuspannen und das Leben auszurichten ist. Unser abhidheya ist parama samya (ultimative Gleichheit).

Das Beiwort ‘parama’ (ultimativ) ist wichtig hier. Es geht uns nicht um bloß wirtschaftliche oder soziale Gleichheit. Gleichmut des Mentals ist eine Stufe höher. Aber es gibt eine dritte Sache, die jenseits aller drei steht und das ist was wir mit ultimativem samya meinen. Wirtschaftliche Gleichheit hilft in praktischen Angelegenheiten. Soziale Gleichheit hält Ordnung in der Gesellschaft aufrecht. Mentales Gleichgewicht, Gleichmut, hilft das Gemüt zu kontrollieren. Auch das ist äußerst notwendig. Ohne dies sucht ein Mensch beständig nach Vergnügen, aber erhält unvermeidlich Kummer. Kontrolle des Mentals ist die Grundvoraussetzung für jedes Unterfangen — sei es ein Unterfangen des Wissens, des Handelns oder der Hingabe. Aber das ultimative samya ist auf einer noch höheren Stufe. Es ist höher als der Bereich der Wissenschaft und der Bereich der Ethik. Es umfasst alle anderen Arten von Gleichheiten und ist weit über ihnen und dringt in den Bereich der Spiritualität ein. In anderen Worten, es kann mit Brahman¹⁰ verglichen werden; nichts weniger als das. Lasst die Menschen in ihrem Leben verschiedene Arten von samya anstreben; dieses Streben wird sie letzten Endes zum ultimativen und vollkommenen samya führen, in dem sie sich tief gründen.

In Wirklichkeit ist das ultimative samya nicht etwas das zu suchen und zu erreichen wäre; es ist bereits in der Welt. Es ist nicht etwas, das erst absichtsvoll zusammengesetzt werden müsste. Wirtschaftliche und soziale Gleichheit und mentaler Gleichmut sind Dinge, die zu erreichen sind. Und wenn wir sie erreichen, werden wir eine Vision des ultimativen samya haben, das immer schon da war, aber nicht sichtbar für unsere blinden Augen.¹¹

Samanvaya

Also ist ultimatives samya unser abhidheya. Wollen wir samanvaya zur Methode unseres Denkens machen. In unserem philosophischen Diskurs ist Samyayoga das Ziel and Samanvaya die Methode, der Prozess.

Die sieben Noten in der Musik scheinen einander zu widersprechen und doch erschaffen sie zusammen melodische Musik. Viele solcher Beispiele können gegeben werden. In all diesen Fällen ist die widersprüchliche Natur nur scheinbar; die Wirklichkeit ist anders. Um Reis zu kochen brauchen wir Feuer, Wasser, Reis und einen Topf. Um den Reis zu kochen muss eine besondere Reihenfolge eingehalten werden. Nur dann kann der Reis gekocht werden. Passiert es in irgendeiner anderen Reihenfolge, wird der Reis nicht gekocht. Der Prozess ist wichtig; wenn er übersehen wird, erscheinen die vier dazu notwendigen Dinge als einander widersprüchlich. Samanvaya bedeutet im Wesentlichen, scheinbar widersprüchliche Dinge zusammen zu bringen und zu verschmelzen. Es ist das Hauptmerkmal der indischen Zivilisation.

Indien hat immer in die Synthese verschiedener Gedanken geglaubt. Was auch immer das Motiv der Einwandernden gewesen sein mag — sie mögen gekommen sein um Zuflucht zu suchen, um zu handeln, um Ideen auszutauschen oder sie mögen uns angegriffen haben — Indien hat sie absorbiert durch samanvaya — indem sie akzeptiert und assimiliert hat was auch immer es wert in ihnen war, akzeptiert zu werden.

Indien ist ein uraltes Land mit einer jahrtausendealten Geschichte. Viele Gemeinschaften kamen von außen hier her, was zwangsläufig zu Konflikten geführt hat. Ich denke nicht, dass solche Kontakte uns geschadet haben. Immer wenn solche Kontakte hergestellt wurden, musste es anfänglich Vorurteile und Feindseligkeiten geben. Aber irgendwann gestaltete sich ein Kulturverbund heraus, der Versöhnung bringen konnte. Alle Gedanken in Einklang zu bringen ist ein Unterscheidungsmerkmal von Indien. Wir wiesen einseitige Gedanken zurück und übernahmen die guten Merkmale verschiedener Gedanken. In dieser Weise schreiten wir weiter voran zur Vollkommenheit. Die gesamte Entwicklung des indischen Lebens fand durch den Prozess von samanvaya statt. Das ist die größte Stärke dieses Landes. Wir haben fortfahrend das Gute akzeptiert und den schlechten Teil ausgelassen. Dieser Prozess sollte weitergehen.

Gleicher Respekt für alle Religionen ist eine Frucht der Idee von samanvaya, die Indien der Welt geschenkt hat. Aber wir müssen sie noch immer verwirklichen. Ich hoffe Indien wird das herbeiführen. Der Islam und das Christentum in Indien werden ein neues, indisches Gewand anlegen, und umgekehrt wird das Hindutum durch die Begegnung mit ihnen geläutert werden. Alle Religionen werden sich gegenseitig ergänzen, sie werden das Denken der Menschheit bereichern und das menschliche Leben schöner und ganzheitlicher machen.

Sarvodaya

Utilitarismus: eine gefährliche Lehre

Der industrielle und wissenschaftliche Fortschritt im Westen ließ eine Theorie entstehen, die für das ‘größtmögliche Wohl der größtmöglichen Zahl’ eintritt und glaubt, dass die Interessen weniger geopfert werden können, um das zu verwirklichen. Das ist eine sehr gefährliche Lehre. Sie hat das gesamte Spektrum wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ideen verunreinigt.

Es ist eine inakzeptable Doktrin. Sie hat zu unzähligen Konflikten auf der ganzen Welt geführt. Sie hat überall Spaltungen zwischen Mehrheit und Minderheit geschaffen und die Etablierung von Frieden behindert.

Es ist falsch den Interessen von einem zu schaden um der Interessen eines anderen willen, auch wenn es freiwilliges Opfer geben gab, ebenso wie im Körper, wenn etwa die Hand freiwillig das Auge beschützt und dabei abgeschnitten wird. Um zu entscheiden, ob etwas dem größtmöglichen Wohl der größtmöglichen Zahl an Menschen zuträglich ist, wird das Prinzip der Mehrheit angewandt. Aber sind die Weisen jemals in der Mehrzahl? Eine Lehre, die Zahlen eine übergeordnete Bedeutung gibt, ist schädlich und unmoralisch. Sarvodaya weist diese Lehre zurück und sagt, dass wir nach dem Wohl Aller suchen und streben sollten.

Angenommen ein Lehrer bittet einen Schüler ein mathematisches Problem zu lösen. Fünfzehn Schüler geben eine falsche Antwort und nur zwei geben die richtige Antwort. Entscheidet die Anzahl über die Richtigkeit der Antwort eines mathematischen Problems? Bei allem was die Wahrheit betrifft haben Zahlen keine Bedeutung.

Wir können nicht annehmen, dass die Mehrheit die Wahrheit kennt. Ein Einzelner könnte die Wahrheit begreifen und um ihretwillen gegen die gesamte Gesellschaft stehen; er ist dazu berechtigt, ja sogar verpflichtet. Darum geht es bei Satyagraha.

Einklang der Interessen

‘Sarvodaya’ ist ein treffendes und gewandtes Wort, geprägt von Gandhiji. Es ist so bedeutungsschwanger; je mehr wir darüber nachdenken und in seinem Licht handeln, desto mehr werden wir es verstehen. Aber eine Idee, die es definitiv vermittelt, ist: Da Gott die menschliche Gesellschaft geschaffen hat, kann es nicht seine Intention sein, dass die grundlegenden Interessen der Menschen sich voneinander unterscheiden. Kein Vater will, dass die Interessen seiner Kinder voneinander abweichen. Wenn ich gesund bin, schadet das deiner Gesundheit nicht. Die Läuterung meines Herzens widerstrebt nicht der Läuterung deines Herzens. Ein Tiger empfindet, dass es in seinem Interesse ist, sich auf einen Hasen zu stürzen und ihn zu essen, während ein Hase empfindet, dass es in seinem Interesse ist, sich von den Klauen eines Tigers zu retten. Ihre Interessen unterscheiden sich also. Aber so ist es nicht in der menschlichen Gesellschaft. Gedanken mögen sich natürlich unterscheiden; das ist gut. Und sie können zusammengebracht werden, um den Gedanken zu vervollständigen.

Es scheint jedoch so, dass die Interessen sich unterscheiden. Ein Grund dafür ist der Einfluss des Mammon (Geld). Aus Ignoranz und Lethargie, nehmen die Leute an, es sei in ihrem Interesse, sich nach Reichtum oder Macht zu sehnen. Aber das ist falsch. Wenn du Liebe gibst, wirst du Liebe empfangen. Liebe zeugt Liebe; Hass zeugt Hass.

Sarvodaya sagt, dass eben die Verfassung der Schöpfung so ist, dass die Interessen der Menschen nicht miteinander kollidieren können. Wenn wir uns also um andere kümmern, wird den Interessen Aller gedient. Ich sollte mich also um dich kümmern und du solltest dich um mich kümmern. Aber es stellt sich die Frage: Was, wenn du dich um mich nicht kümmerst, aber ich kümmere mich um dich? So denken die Leute. Indien will seine Armee nicht vergrößern, denkt aber, da Pakistan seine Armee vergrößert, müsse sie es gleichtun. Das heißt wir haben Pakistan die Fähigkeit gegeben, uns nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Wir haben anderen die Macht gegeben, uns gut oder schlecht zu machen. Die Initiative liegt nicht mehr in unserer Hand. So können andere unser Verhalten steuern. Aber wir dürfen die Initiative nicht loslassen. Es liegt in der Natur des Wassers, den Durst zu stillen. Es stillt den Durst einer Kuh ebenso wie den Durst eines Tigers. Es lässt andere nicht seine Natur beeinflussen. Auch Sarvodaya behält die Initiative in seiner Hand. Es glaubt daran, unilateral (einseitig) Gutes zu tun. Ich werde mich um dich kümmern, ganz gleich ob du dich um mich kümmerst oder nicht. Wir können das erwünschte Ergebnis nur dann erreichen, wenn wir eine solche feste Entscheidung treffen.

Mein Eigeninteresse unterscheidet sich nicht von den Interessen der Gesellschaft. Tatsächlich sollte ich gar kein Eigeninteresse haben außer der Gesellschaft zu dienen. Meine (spirituelle) Suche muss nicht vom Dienst an der Gesellschaft getrennt sein. Sie ist ihm untergeordnet. Soetwas wie ‘meine’ spirituelle Suche kann es nicht geben; spirituelle Suche meint ja gerade die Auslöschung des ‘Ich’. In dieser Weise löst Sarvodaya den Widerspruch im Leben. Unterschiede zwischen den Interessen der Einzelnen und der Gesellschaft hören auf zu bestehen. Die Verfolgung von Eigeninteressen und das spirituelle Streben werden eins. Sarvodaya ist somit ein einwandfreier und verheißungsvoller Gedanke, der alle Arten von Ungleichheiten beseitigt und die Unterschiede auslöscht zwischen dem Eigeninteresse der Einzelnen und dem höchsten Wohl Aller.

Warum denken wir, dass wir auf unseren Eigennutz achten sollten? Warum trennen wir unseren Eigennutz vom Nutzen anderer? Wenn ich mein eigenes Interesse als etwas getrennt von den Interessen anderer betrachte, dient das meinem eigenen Interesse nicht. Wenn ich die Türen zu meinem Haus schließe und die Luft darin nicht rauslasse, verhindere ich auch, dass Luft von außen rein kommt. Gewinne oder verliere ich dabei? Mein Eigeninteresse liegt darin, die Türen meines Hauses zu öffnen. Was immer mir gehört wird also Gemeingut der Welt und was immer der Welt gehört wird mein. Unser wahres Eigeninteresse liegt darin, uns um die ganze Gesellschaft zu kümmern. Dann wird die Gesellschaft, als eine Verkörperung des Herrn, sich auch um uns kümmern.

Im Grunde ist eine ideale Gesellschaft wie der menschliche Körper. Seine verschiedenen Glieder wirken instinktiv und natürlich zusammen und haben eine mitfühlende Beziehung zueinander. Das Auge fühlt einen Stich im Fuß. Das selbe Phänomen kann man in gewissem Maß in einer Familie sehen. Ein Kind hat, in gewisser Weise, keine Funktion, in dem Sinne, als dass es keinen greifbaren Beitrag zur Familie leistet. Und doch, wenn es krank ist, ist jedes Mitglied der Familie besorgt. Ebenso kann auch eine Gemeinschaft glücklich leben und blühen, wenn es Symphatie und ein Gefühl der Bruderschaft füreinander gibt.

Widerstand gegen Provinzialismus

Die Philosophie von Sarvodaya ist, in der Gesamtheit, harmonisierend und synthetisierend, was bedeutet, dass sie dazu fähig ist, verschiedene Gedanken zusammen zu bringen und zu versöhnen. Das Prinzip der Synthese ist der indischen Psyche tief eingeprägt. Durch die Ideenlehre von Sarvodaya kann es Vollkommenheit erreichen. Es sollte also keinen Grund für Sarvodaya geben, sich irgendetwas entgegenzusetzen. Aber es steht gewiss all denen entgegen, die nur für das Wohl weniger einstehen oder glauben, dass irgendeine Kaste oder Rasse überlegen wäre und über andere herrschen sollte. Und dieser Widerstand ist von solcher Art, dass er niemals zu Ende gehen kann. Diese beiden Ideologien werden bis zum Schluss kämpfen. Sarvodaya ist dazu bestimmt, sich Befürwortern des Kastenwesens und Kommunalisten und all denen entgegenzusetzen, die für das Wohl einer bestimmten Klasse einstehen — Mehrheit oder Minderheit — und denken, dass es ganz recht ist, sich nicht um andere zu kümmern oder sogar andere zu vernichten, wenn es sein muss. Wenn Sarvodaya das nicht tut, was könnte sonst ihr Daseinsgrund sein? Abgesehen von dieser Ausnahme können alle anderen Gedankenfragmente in Sarvodaya assimiliert werden.

Die Frage des Leistungsanreizes

Sarvodaya bedeutet das Wohl Aller, gleiche Sorge um Alle und gleiche Liebe für Alle. Lasst uns alle lieben so wie eine Mutter alle ihre Kinder gleichermaßen liebt, und eine soziale Ordnung schaffen, die damit konsistent ist.

Manche Leute argumentieren, dass es einer solchen sozialen Ordnung an Anreizen mangeln würde, um Leistung zu bringen; die Leute schuften mehr, wenn es Hoffnung gibt, mehr zu verdienen. Aber das ist nicht wahr. In einer (traditionellen) Familie arbeitet der Vater mehr; arbeitet er mehr, um mehr Brot zu haben? In einer Familie ist der Konsum nicht an das Einkommen geknüpft. Jedes Familienmitglied hat das gleiche Recht am Einkommen der Familie. Und doch gibt es Arbeitseifer.

Mancher Leute entgegnen, dass der Fall der Familie ein anderer ist; in der Gesellschaft würden die Leute nur dann mehr arbeiten, wenn sie dafür auch mehr Vergnügen haben. Ich halte das für einen bösartigen Gedanken. Es ist wahr, dass das ein derzeitiger Trend ist. Aber so viele Übel sind gegenwärtig in der Gesellschaft. Dieser Gedanke stärkt jedenfalls nicht den Wunsch nach Arbeit; er stärkt eher die Habsucht, die zu Lethargie führt, die wiederum die Motivation zu arbeiten schwächt. Es ist darum eine Täuschung, zu denken, dass gleichmäßiges Vergnügen (unter den Mitgliedern der Gesellschaft) eine entmutigende Wirkung auf die Motivation zu arbeiten hätte. Große Nationen unterliegen der Täuschung, dass die Produktion von Atom- und Wasserstoffbomben einen Krieg verhindern und Frieden wahren könnte. Eine andere Täuschung ist, dass mehr Medizin zu besserer Gesundheit führt. Die kapitalistische Gesellschaft strotzt von solchen Täuschungen. Solange die Menschen sich nicht von solchen Täuschungen befreien, werden sie keine wahre Freiheit, keine wahre Befreiung erfahren.

Sarvodaya: Ein bedeutungsvolles Wort

Die Idee, dass wir dem Interesse Aller dienen sollten, ist ein Teil unserer Tradition. Man findet sie auch in der Bibel. Auf ihr begründet schrieb Ruskin ‘Unto this last’. Gandhiji schrieb diese Schrift um und nannte sie ‘Sarvodaya’. Diese Schrift hält das Prinzip hoch, dass jedermanns Menschenrechte die selben sind. Das ist was Gandhiji ‘Sarvodaya’ nannte.

Es wurde vorgeschlagen, dass das Wort ‘Antyodaya’ (der Aufstieg, das Erheben, das Wohl des Letzten der Gesellschaft) dem Wort ‘Sarvodaya’ vorgezogen werden sollte. Tatsächlich ist die Idee, den Letzten zu helfen, zu “erheben”, die Grundlage von Sarvodaya. Den Letzten zu helfen ist natürlich essentiell; der Rest kann warten. Doch würde ich das Wort ‘Sarvodaya’ bevorzugen, weil es ‘Antyodaya’ enthält. Letzteres könnte vermitteln, dass nur dem Letzten (dem Ärmsten, dem Elendigsten) geholfen werden muss, den anderen nicht; denn sie sind ja schon “erhoben”. Aber das ist nicht der Fall. In dieser elenden Welt braucht jeder Hilfe. Der Intellekt der Reichen ist matt und glanzlos geworden, wegen ihrer Ansammlung von Geld. Ihnen muss man ebenso helfen wie den Hungernden. Darum ist es besser, das Wort ‘Sarvodaya’ zu nutzen, auch wenn der Letzte uns besonders angehen sollte.

Ich stimme zu, dass die Dorfbewohner das Wort ‘Sarvodaya’ ein wenig kompliziert finden mögen. Und doch finde ich, sollte es genutzt werden. Das Wort ‘Satyagraha’ war ebenso schwierig zu fassen, als es vorgeschlagen wurde, aber seine Praxis machte es verständlich. Das wird auch mit ‘Sarvodaya’ geschehen. Davon abgesehen ist ‘Sarvodaya’ kein völlig neues Wort. Gandhiji hatte es für die Übersetzung von Ruskin’s ‘Unto this last’ genutzt. Die Monatsschrift, die zur Verbreitung von Gandhiji’s Ideen begonnen wurde, wurde auch ‘Sarvodaya’ genannt. Es ist nicht wirklich zu beanstanden, wenn Worte, die eine bestimmte Bedeutung vermitteln, kompliziert sind, denn sie bieten eine Möglichkeit die Herzen der Massen zu erreichen, während man sie erklärt. Wir sollten jedoch nicht und ich würde auch nicht, komplizierte Worte nutzen, wenn ich solche Worte erkläre.

Import von Sarvodaya

Die Idee von Sarvodaya motiviert uns auch, unseren Unterhalt im Schweiße unseres Angesichts zu verdienen. Wir sollten anderen keine Bürde sein. Und unsere Hände durch List auf das Geld anderer zu legen, ist kein wirklicher Verdienst. Nur was wir tatsächlich produzieren ist was wir wirklich verdienen. Uns um andere zu kümmern und produktive Arbeit zu verrichten, sind die zwei Grundregeln, denen wir folgen sollten. Das würde die Philosophie von Sarvodaya verbreiten.

Ich bin ein Teil von jedem und jeder gehört zu mir — das ist was Sarvodaya für wahr hält. Wenn das Eigeninteresse allumfassend wird, wird es geläutert. Dann wird es förderlich für das Interesse Aller. Wenn eine ansteckende Krankheit sich im Dorf verbreitet, verschont sie niemanden. Lasst uns darum verstehen, dass wir nicht getrennt von der Gesellschaft sind. Die Gesellschaft und der Einzelne sind keine verschiedenen Entitäten. Alle persönliche Arbeit sollte getan werden mit einer sozialen Perspektive und alle soziale Arbeit sollte Einzelnen Möglichkeiten für ihre eigene Entwicklung geben.

Jeder mit einer menschlichen Haltung würde sich das Wohl Aller wünschen. Aber alle wünschen sich auch ihr eigenes Wohl. Wie soll man diese beiden Wünsche versöhnen? Die Frage ist — welcher der beiden Wünsche hat Vorrang? Geben wir dem Wohl Aller Priorität, dann ist diese Einstellung in Übereinstimmung mit Sarvodaya. Jemand, der Sarvodaya verbunden ist, glaubt, dass sein Wohl im Wohle Aller enthalten ist; er wünscht sich nicht sein eigenes Wohl, außer und bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Wohl Aller erreicht ist. Eine Mutter isst nicht bevor ihre Kinder genährt sind. Das ist der Geist von Sarvodaya, doch ist er auf ihre Kinder beschränkt. Der Punkt ist, dass man bereit sein sollte, etwas zum Wohle Aller zu opfern und sogar Freude zu empfinden im damit verbundenen, äußerlichen Leiden. Das ist was Sarvodaya bedeutet.

Einheit des Lebens

In Sarvodaya gibt es keine Fragmentierung des Lebens. Es gibt keinen Konflikt zwischen Einzelnem und Gesellschaft, keinen Antagonismus zwischen individuellem und sozialem Leben, keine Spaltung zwischen dienender Tätigkeit und Betrachtung. Die dienende Tätigkeit sollte von Betrachtung begleitet sein und die Betrachtung sollte der Tätigkeit zuarbeiten. Das ist die Schönheit in der Praxis von Sarvodaya.

Sarvodaya beteuert die untrennbare Einheit des Lebens. Es weigert sich, das Leben in isolierte Abteilungen zu trennen. Es teilt das Leben nicht in gegensätzliche Kategorien wie das Individuum gegen die Gesellschaft, Gesellschaft gegen Staat, national gegen international, säkular gegen religiös, individuelle Befreiung gegen sozialen Fortschritt. Diese Unterteilungen sind unwirklich und bösartig. Sie haben das gegenwärtige Chaos geschaffen. Es gibt ein Gesetz und einen Weg, die universal gültig sind. Was gut ist für den Einzelnen ist gut für die Gesellschaft. Es gibt keinen wahren Konflikt der Interessen. Wohlergehen ist unteilbar. Wahrer Fortschritt bedeutet Fortschritt Aller. Der Verlust des einen kann nicht der Profit eines anderen sein. Alle Existenz ist eins.

Sarvodaya gibt dem Einzelnen den höchsten Wert. Jede Idee kommt zunächst einem Einzelnen in den Sinn, erst danach verbreitet sie sich in der Gesellschaft.

Es kann keinen Widerstreit zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen geben, da ihre Beziehung so ist wie die Beziehung zwischen dem Körper und seinen Organen. Ein Körper kann nicht handeln ohne die Hand und eine Hand kann nicht handeln, wenn sie vom Körper getrennt ist. Kein Organ kann irgendetwas tun, wenn es vom Körper getrennt ist. Der Einzelne und die Gesellschaft sind wie Fäden und Gewebe. Sarvodaya gebietet darum, was auch immer wir an Land, Reichtum, Arbeitskraft, Intellekt oder Liebe besitzen, der Gesellschaft anzubieten, dem Herrn darzubieten; und die Gesellschaft sollte allen die gleichen Möglichkeiten bieten bezüglich Bildung, Sicherheit, Ernährung und Entwicklung.

Sarvodaya glaubt, dass es eine fundamentale Einheit in diesem weiten Universum gibt. Die ganze Menschheit sitzt in einem Boot. Man kann glücklich sein in dem Ausmaß, in dem man sich für das Wohl von anderen einsetzt. Die ganze Welt ist eins und wir müssen zum Wohle Aller denken und arbeiten.

Das Programm

Gandhiji stellte ein konstruktives Programm auf, das uns helfen kann, uns Sarvodaya weiter anzunähern. Es ist ein exzellentes und umfassendes Programm¹², das die Bedürfnisse der Gegenwart ebenso wie die der Zukunft berücksichtigt. Theorie ohne unterstützende Praxis ist wie ein Schloss in der Luft, während Praxis ohne theoretische Grundlage keinen Fortschritt verursachen kann. Theorie und Praxis sollten zusammenkommen. Die menschliche Gestalt zeigt das selbe an: Die Beine sind fest am Boden, während der Kopf hoch in der Luft ist. Weil das Programm gut beschrieben ist, gibt es keine Zweifel darüber, wie wir im Leben voranschreiten können. Gandhiji stellte nicht alle Programme auf einmal auf. Er schlug es erst vor, nachdem er es selbst begonnen hatte. Jedes Programm sollte solcherart sein, dass es sich eines bestimmten, gegenwärtig empfundenen Bedürfnisses annimmt, nur dann kann es selbstlos ausgeführt werden.

Aber auch die Theorie und Praxis zusammen machen eine Idee noch nicht vollständig; sie muss vervollständigt werden durch ein Bestreben nach der Läuterung des Leben. Gandhiji stellte dazu elf Gelübde auf: Wahrheit, Gewaltlosigkeit, Besitzlosigkeit, Kontrolle des Gaumens, Furchtlosigkeit etc. Das Leben sollte auf der Grundlage eines gewissen Glaubens begründet werden. Ein Fluss fließt in eine bestimmte Richtung, so dass sein Wasser nicht abgelenkt wird und viele Dinge tun kann. So sollte auch der Fluss des Lebens in Übereinstimmung mit einem festen Plan verlaufen und das Handeln sollte auf bestimmten Axiomen gründen. Das ist der Zweck hinter diesen Gelübden.

Während dieser Suche nach Läuterung werden sich unsere Bemühungen als unzulänglich erweisen und so entsteht die Notwendigkeit für Hingabe und Gebet. So konstituieren (1) die Philosophie, die das Wohl Aller zu verwirklichen trachtet, (2) das konstruktive Programm und (3) die Übung der Gelübde unterstützt durch Hingabe unsere dreifältige Vision des Lebens.

Auf der einen Seite die Bemühung nach innerer Läuterung, ohne sich um die Welt außen zu kümmern, auf der anderen die Bemühung, äußere Bedingungen zu verändern ohne der inneren Welt irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken — diese beiden Positionen sind gutgemeint, aber einseitig und werden darum nicht erfolgreich sein. Beide Bemühungen sollten gleichzeitig (und eins durch das andere) unternommen werden. In diesem Prozess können uns Wissenschaft und Spiritualität helfen. Sarvodaya bedeutet umfassende Entwicklung mit dieser Hilfe.

Mittel und Zweck

Viele rechtschaffene Männer haben gelehrt, dass man den Pfad der Güte beschreiten sollte, doch der Mensch ist immernoch nicht davon überzeugt, dass Gutes nur Gutes hervorbringen kann. Er versucht immernoch herauszufinden, ob Böses nicht manchmal auch Gutes hervorbringen könnte. Er glaubt an die Wahrheit des Spuches ‘man erntet, was man sät’, weil er niemals etwas gegensätzliches erlebt hat; und doch ist er im Bereich der Ethik nicht völlig davon überzeugt.

Manche Leute, die sich selbst als pragmatisch betrachten, verschreiben sich ganz der unverfälschten Güte, aber nur im individuellen Leben. Sie glauben, dass man im individuellen Leben der reinen Ethik folgen müsse, die letztendlich sogar zu spiritueller Befreiung führen könne; aber dass eine gewisse Mischung von Gut und Böse im sozialen Leben unvermeidlich sei. Gandhiji hat diese Idee niemals akzeptiert. Er ließ uns fundamentale Prinzipien wie Wahrheit und Gewaltlosigkeit im sozialen Leben anwenden; in der Folge haben wir die Unabhängigkeit erlangt. Ein Lehrsatz, der wahr ist im Bezug auf ein Dreieck ist im Bezug auf alle Dreiecke wahr. Wenn absolut ethisches Verhalten zum Wohlergehen des Individuums führt, muss es auch dem Wohlergehen der Gesellschaft zuträglich sein.

Manche Leute denken, es würde ausreichen, wenn das erwünschte Ziel mit der Wahrheit in Einklang ist; die Mittel spielen dann keine Rolle. Aber Gandhiji hat diesem Gedanken immer wieder widersprochen. Er hielt dafür, dass Swaraj (Selbstherrschaft) einzig durch wahrhaftige Mittel erlangt werden könnte; nur die Selbstherrschaft, die durch reine Mittel erlangt wurde, wäre wahre Selbstherrschaft. Man sollte mehr über die Mittel nachdenken als über das Ziel. Das Ziel kommt in Sicht, wenn die Mittel vollständig angewandt werden. Ein Unterschied zwischen Mittel und Zweck ist imaginär. Es ist nicht bloß wahr, dass das Ziel durch die Mittel erlangt wird; es ist auch wahr, dass das Wesen des Ziels von den Mitteln abhängt. Jeder denkt, dass seine oder ihre Sache gut sei. Die Behauptung, eine gute Sache zu haben, spielt also keine große Rolle. Es sollte zwischen Mittel und Zweck keinen Gegensatz geben. Das ist keine neue Idee. Aber das Ausmaß, in dem Gandhiji diese Idee in Indien in der Praxis angewandt hat, hat keine Parallele.

Manch andere sagen, auf Güte zu bestehen sei ganz recht, aber es sei wichtiger unter allen Umständen aktiv zu bleiben. Wenn das Bestehen auf guten Mitteln ein Hindernis wird auf dem Weg der konstanten Aktivität, sollen wir die Aktivität dem Bestehen auf guten Mitteln vorziehen. Ich denke das ist ein Irrtum. Als die Menschen während des Freiheitskampfes lange Gefängnisstrafen absitzen mussten, nannten es viele ‘in Gefängnissen verrotten’. Gandhiji wies dann oft darauf hin, dass in der Inaktivität einer großen Seele große Macht liegt. Die Gita hat das in ihrem unnachahmlichen Stil als ‘Tun im Nichttun’ bezeichnet. Aktivität ist natürlich wertvoll, aber Wahrheit und Güte sind wertvoller als Aktivität. Man mag in gewissen Situationen untätig bleiben, aber man darf niemals die Wahrheit aufgeben.

Manche Leute, die sich selbst pragmatisch nennen, befürworten Wahrheit, aber denken, ein einseitiges Beharren auf der Wahrheit sei riskant. Sie sagen, dass wir darunter leiden werden, wenn wir weiterhin an Wahrheit und Gewaltlosigkeit hängen, wenn unser Gegner Zuflucht sucht in Unwahrheit und Gewalt. Diese Leute kennen den Wert der Wahrheit nicht. Sonst hätten sie so nicht argumentiert. Sie wenden nicht ein: “Unsere Widersacher verhungern; also warum sollten wir essen?” Sie wissen, dass Kraft schöpft wer auch immer isst. Also einseitiges Essen halten sie für richtig, aber einseitiges Beharren auf der Wahrheit nicht. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wir unseren Widersacher nachahmen; wir würden die Initiative in seine Hände legen. Es ist ein furchtsamer Gedanke, der einen Teufelskreis erzeugt. Das Böse hat Ausgang. Wir sollten uns trauen, es zu stoppen. Wir sollten standhaft auf Liebe und Großherzigkeit bestehen, ohne uns um die Konsequenzen zu kümmern. Schließlich sind Wahrheit, Liebe und Güte positive Qualitäten; Unwahrheit und solche Qualitäten sind negativ. Was hat das Licht zu fürchten in seinem Kampf gegen die Dunkelheit?

Mission für dieses Zeitalter

Sarvodaya ist nicht weniger tiefgründig als jede andere spirituelle Lehre, die ihr vorausging. Philosophen des Ostens und des Westens haben viele Lehren vorgebracht. Sarvodaya ist tiefgründiger als all diese Lehren, weil es nicht nur alle Aspekte des Lebens berührt, sondern sie auch vollständig verwandelt. Sarvodaya ist die Synthese von Spiritualität und Wissenschaft.

Ebenso wie die Menschen zusammengearbeitet haben, um Freiheit zu erlangen, sollten wir jetzt ein konstruktives, positives Ziel von universalem Wohlergehen vor Augen haben. Was immer wir denken, worüber wir reflektieren, schreiben und arbeiten, all das sollte nur dem Erreichen dieses Ziels gewidmet sein. Lasst uns all unsere Begabungen nutzbar machen zu diesem Zweck und energisch darauf hinarbeiten. Dann habe ich keinen Zweifel, dass wir das Ziel erreichen.

Nach dem Erreichen der Unabhängigkeit brauchen wir ein erhabenes Ziel, das uns im individuellen und sozialen Leben inspirieren kann. Sarvodaya ist ein solches Ziel.

In Sarvodaya können viele einseitige Gedanken zusammen kommen und verschmolzen werden, um ein Ganzes zu schaffen. Es ist die Philosophie dieses Zeitalters. Keine anderen “Ismen” — Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus oder Wohlfahrts-Etatismus — können die Bedürfnisse dieses Zeitalters befriedigen. Sarvodaya zielt darauf ab, ein Dorf in eine Stadt und die Stadt in ein Dorf zu verwandeln. Es fordert Brahmanen dazu auf, Handarbeiter zu werden und Arbeiter dazu, sich Wissen anzueignen. Es fordert Männer dazu auf, auch weibliche Qualitäten anzunehmen und Aufgaben zu erledigen, die gegenwärtig nur von Frauen erledigt werden und fordert Frauen dazu auf, auch Verantwortung für öffentliche Angelegenheiten zu übernehmen. Sarvodaya bedeutet, auszugleichen, woran es einem mangelt. So wird es jeden zur Vervollkommnung führen.

Sarvodaya will das revolutionäre Werk vollbringen, das Privateigentum zu überwinden. Es erklärt, dass die gegenwärtige soziale Ordnung eine Unwahrheit ist. Sie muss verändert werden. Sie sollte — nein, sie kann — nur durch Gewaltlosigkeit verändert werden. Kapitalisten setzen auf die Macht des Geldes und die Macht der Waffen. Diejenigen, die diese selben Mittel nutzen, können den Kapitalismus nicht beenden; sie können nur eine andere Art von Kapitalismus hervorbringen. Kapitalisten wollen das Eigentum vermittels von Gewalt erhalten. Wenn wir versuchen, das Eigentum vermittels von Gewalt zu überwinden, gäbe es keine Revolution der Mittel. Die Revolution wird nur dann stattfinden, wenn sowohl der Zweck als auch die Mittel verwandelt werden.

Unsere Verantwortung

Jene die eine Philosophie wie Sarvodaya angenommen haben, die beansprucht, einen Wandel der Herzen herbeizuführen, müssen versuchen tiefer einzutauchen als die Heiligen von damals. Der Anspruch dieser Heiligen war begrenzt auf die innere Läuterung; ihr Dienst an der Gesellschaft war nebensächlich. Sie dachten, solcher Dienst würde die Menschen berühren und letztendlich die Gesellschaft läutern. Aber wir sprechen von einer Veränderung der sozialen Ordnung, von einer Verwandlung des gesamten Lebens, von der Schaffung eines neuen, universalen Menschen. Wenn wir eine solche Sprache sprechen, dann müssen wir spirituell tiefer gehen.

Wir werden in diesem kurzen Leben geprüft. Das sollten wir realisieren und allen dienen, alle lieben und die Liebe aller verdienen, ehe wir dahinscheiden. Wer in dieser Welt Geld verdient hat, aber die Liebe verloren, hat nichts gewonnen. Wer Wissen erworben hat, aber keine Liebe, hat nichts gewonnen. Wer Kraft aufgebaut hat, aber keine Liebe, hat nichts gewonnen. Liebe alle und verdiene die Liebe aller — das ist die Botschaft von Sarvodaya.

Ich bin ein Teil aller und alle sind in mir — ich kann darum nicht Zuflucht in Unwahrheit suchen, nicht in meinem persönlichen Leben, nicht in Handelsbeziehungen, nicht im sozialen Umgang — nirgendwo. Wenn ich überall bin, dann geziemt sich Unwahrheit nicht. Was soll ich verbergen und vor wem? Denn bin nicht ich und der, vor dem ich es verbergen will, ein und derselbe?

Darum sollten wir unsere Verpflichtung zu Wahrheit und Gewaltlosigkeit bekräftigen. Wir sollten uns hart vor dem Einzug von Gewalt in unser Leben schützen. Und wir sollten verschiedene konstruktive Programme durchführen, mit Freunden, oder, wenn es notwendig ist, durch Errichten einer Institution. Wir sollten den Geist von Sarvodaya immerzu lebendig halten in Gedanken und Worten.

Feste Verpflichtung zur Wahrheit ist die Grundlage von Sarvodaya. Manche Leute sind besorgt, dass das viele davon abhalten könnte, sich der Sarvodaya Bruderschaft anzuschließen. Aber wieso können nicht alle einen Antrieb zur Güte haben? Ich würde die Hoffnung hegen, dass sie einen solchen Ansporn haben. Doch selbst wenn sie es nicht haben und Sarvodaya eine unverwirklichte Idee bleibt; die Idee allein würde bereits das Wohlergehen der ganzen Welt fördern.


¹ Gemäß der Sankhya Philosophie, besteht prakriti oder die Natur aus drei gunas oder essentiellen Qualitäten: sattva ist das Prinzip des Gleichgewichts und der Harmonie; rajas ist das Prinzip der Leidenschaft, der Rastlosigkeit, der Mühe und des Beginnens, tamas ist das Prinzip der Ignoranz und Schwerfälligkeit.
² Vinoba nutzt das Wort “Ideologie” hier in seinem zu seiner Zeit neutral und wertfrei verstandenen Sinne einer Weltanschauung.
³ Vinoba kontrastiert ‘vaad’ (das heißt “ismen” oder rigide, versteinerte Ideologien) mit ‘yoga’, was “Einung” bedeutet. Er verkündete das Konzept von samyayoga (der Yoga der Gleichheit und des Gleichmuts) und wies damit samyavaad (den Kommunismus) zurück. Dieses bedeutende Konzept wird in den folgenden Seiten dargelegt.
⁴ Sarvodaya bedeutet wörtlich der Aufstieg oder das Wohl Aller. Das Allgemeinwohl. Diese Lehre ist Gandhis und Vinobas Antwort auf (und eine Absage an) den vorherrschenden Utilitarismus (der Ideologie vom “größtmöglichen Wohl der größtmöglichen Zahl”, die das Wohlergehen der Menschen wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung behandelt).
⁵ Für eine detaillierte Ausführung dieses Konzepts, siehe Vinobas ‘Satyagraha’ (English) (Varanasi: Sarva Seva Sangh Prakashan, 2018)
⁶ Tatsächlich ist Sarvodaya ein sehr altes Wort, wie auch von Vinoba an anderer Stelle korrekt angemerkt. Es kam jedoch erst in Gebrauch in Folge von Gandhis Gebrauch des Wortes, der es nutzte um John Ruskin’s Idee (in seinem Essay “Unto This Last”) zu beschreiben; er hat Ruskins Buch übersetzt und in paraphrasierter Form unter dem Titel Sarvodaya publiziert. Es ist in diesem Sinne, dass es hier als ein modernes Wort beschrieben wird.
⁷ Vinoba wie auch andere Inder beziehen sich auf Indien als feminin (“sie”); wir behalten das in der Übersetzung bei.
⁸ Wenn Vinoba im originalen Text hier von “Selbst” spricht, nutzt er das Wort “Atman”. Wenn er von Gott spricht, nutzt er “Brahman”. Atman ist etymologisch mit dem Deutschen “Atem” verwandt. Der Leser möge die Zeilen noch einmal lesen und anstelle von “Selbst” das Wort “Atem” einsetzen. Der Atem ist als eine Metapher zu verstehen, die veranschaulichen soll, wie jedes Lebewesen insofern beseelt ist, als dass es atmet und diese selbe Lebenskraft teilt, während “Gott”, Brahman, als der Geist zu sehen ist, wie der Wind, das Ganze und der Grund allen Atems, in den wir atmen, aus dem wir atmen und leben. In diesem Sinne, da wir denselben Atem, denselben Geist teilen, der uns beseelt, ist jede Gewalt am anderen gleich Gewalt am Heiligen Geist, an uns selbst und an Gott.
⁹ Hier die von Vinoba genannten Verse der Gita: 6,29: Wer, in Einklang gebracht durch den Yoga, das Selbst als allen Wesen innewohnend und alle Wesen im Selbst sieht; überall sieht er das selbe. 6,30: Er, der Mich überall sieht, und alles in Mir, der wird Mich niemals los lassen, noch werde ich ihn los lassen. 6,31: Der Yogi, der, in Einheit gegründet, Mich als in allen Wesen innewohnend verehrt, der wohnt Mir inne, egal in welchem Zustand er sich befinden mag. 6,32: Er, der selbst anderen gleich Vergnügungen und Qualen aller wie seine eigenen spürt, wird als großer Yogi betrachtet. ¹⁰ Brahman ist das Absolute, die höchste Wahrheit, die ewige und ultimative Realität. Es wohnt allem inne und ist jenseits von allem. Es ist das Höchste Selbst, an dem alle individuellen “Selbste” Anteile sind. Ihre Entwicklung verläuft zur Verschmelzung mit Brahman, das heißt, zur spirituellen Befreiung.
¹¹ Siehe Jesus: „Das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“
¹² Gandhiji hatte ein konstruktives Programm von 18 Punkten für die Wiederbelebung des ländlichen Indiens vorgeschlagen. Leser seien an seine gleichnamige Broschüre ‘Constructive Programme’ (Ahmedabad: Navajivan) verwiesen.